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Moers
Abgedrehte Siegfried-Saga im Musenhof

Moers: Abgedrehte Siegfried-Saga im Musenhof
Es ging hoch her bei der Premiere der Siegfried-Sage im Grafschafter Musenhof. Das Junge Schlosstheater zeigt noch drei weitere Aufführungen. FOTO: Christoph Reichwein (crei)
Moers. Das Junge Schlosstheater spielt eine freche Inszenierung des germanischen Heldenepos in traditionellem Ambiente. Von Udo Spelleken

Bei sommerlichen Temperaturen fanden sich rund 70 Zuschauer im Grafschafter Musenhof zur Premiere einer frechen, unverhohlenen Inszenierung der Siegfried-Saga der Autoren Feridun Zaimoglu und Günter Senkel ein. Vor rund 800 Jahren hatte ein unbekannter Dichter die Geschichte in mehr als 2300 Strophen zu einem Werk vereint. Ein Heldenepos über Krieger und Spielleute, Königinnen und Jungfrauen, über Drachen, Zwerge und einen Fluch beladenen Schatz. Eine Geschichte von Treue und Verrat, von Liebeshochzeit und Brudermord, von Festen und Zweikämpfen. Ein Drama, das in Glanz und Abenteuer begann, doch in Feuer und Blut endete. Eine Erzählung, deren Wurzeln tief in die germanische Zeit zurückreichen, deren Wirkung aber noch heute spürbar ist: das Nibelungenlied, das deutsche Nationalepos.

Doch schonungslos wurden die Protagonisten in diesem neuen Theaterstück des größten "ehrwürdigen" deutschen Heldenepos wohl noch nie ihrer Vorbildfunktion beraubt. Getrieben von Machtgier und Geltungssucht, morden, huren und fressen sie sich ihrem eigenen Untergang entgegen.

Unter Leitung des Theaterpädagogen Holger Runge spielte das elfköpfige Junge Schlosstheater Moers (StM) mit textsicherer Spielfreudigkeit und viel Talent ein mit Schwülsten, Action und deftiger Hardcore-Sprache überschäumendes Stück, das sich sehr wohl an die historische Vorlage des Nibelungenliedes hielt, in dem jedoch von Ritterehre, höfischem Benehmen und edler Minne nichts mehr zu finden war. Die Kostüme unterstrichen die unkonventionelle Ästhetik der Aufführung ebenso wie das karikierende Spiel der Darsteller.

Die Hauptfigur "Siegfried" agierte jederzeit gewaltbereit, unberechenbar und explosiv. Der Hauslehrer und Vater Sigmund, König der Niederlande, diskutierten in der ersten Szene darüber, was wohl anzufangen wäre mit diesem bildungsstörrischen Nachwuchs Siegfried. Im Schmied Mimer, der mit seinen erlogenen Jagderlebnissen und Abenteuern prahlt, findet er seinen Meister und wird zum populären Drachentöter. Auch wenn der Drachen ein handliches Stofftier und das Schwert ein Elektromesser sind, die theatralische Wirkung dieser Szene zeigte Nachhaltigkeit, indem Illusionen nicht mehr funktionieren. Entlarvung wirkte hier durch Übertreibung, die germanische Heldensage als das Törichte, Beschwörung von Herrschaft und Männlichkeit, die wir uns heutzutage nur noch schwerlich vorstellen können. Im Ortswechsel ging es nach "Xanten" unter das Zeltdach des Musenhofs und nach "Island" auf den benachbarten Spielplatz, wo Brunhild als eine blutrünstige Barbarin die von Rücksichtslosigkeit und Brutalität gezeichnete Gesellschaft aufzeigte, in der Loyalität nur so lange zählte, wie sie zum eigenen Vorteil gereichte.

Bei der Tafelrunde mit Karotten und "Tüten voller Glück" waren Niederländer, Nibelungen und Burgunder sehr eindeutig nichts weiter als Sklaven und gleichzeitig grausame Vollstrecker niederer Instinkte. Mit der Doppelhochzeit und den vulgär freizügigen Berichten der Misserfolge in der Hochzeitsnacht verlor sich das Stück in eine zeitweise Langatmigkeit, die unvermittelt überging in die Ermordung der Lichtgestalt Siegfrieds durch seinen Rivalen Hagen.

Der Bruch mit sämtlich geläufigen, heroischen Verklärungen war ein sympathischer dramaturgischer Ansatz. Die Premiere zumindest mit diesem hochbegabten Ensemble begeisterte das anwesende Publikum.

Weitere Aufführungen finden im Grafschafter Musenhof am 20., 22. und 26. Juni jeweils um 19.30 Uhr statt.

Quelle: RP
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