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Moers
Als blinder Passagier 90 Minuten auf der Arche Noah

Moers: Als blinder Passagier 90 Minuten auf der Arche Noah
Matthias Heße erzählte von den schrecklichen Geschichten auf der Arche Noah. FOTO: Klaus Dieker
Moers. "Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln": So lautet der Titel eines Buches des englischen Schriftstellers Julian Barnes. Das steht im Mittelpunkt einer neuen, zehnteiligen Lesereihe des Schlosstheaters, in der die Kapitel in den nächsten neun Monaten jeweils am zweiten Dienstag von verschiedenen Ensemblemitgliedern vorgestellt werden. Den Auftakt dazu machte jetzt Matthias Heße im kleinen Pulverhaus.

Dabei begab er sich, dekorativ mit schwarz-weiß geschminktem Gesicht, gut 90 Minuten lang als blinder Passagier auf Noahs einstige Arche. Ein Abenteuer, denn das Leben dort war alles andere als ein Zuckerschlecken.

So begann bereits die Zulassungsprozedur mit einer "ärztlichen Untersuchung von brutaler Zudringlichkeit". Darüber hinaus gab es eine sehr strenge Auswahl nach "reinen" und "unreinen" Arten. Die Ersteren durften mit sieben und die anderen lediglich mit zwei Exemplaren an Bord, wobei sich im Laufe der Fahrt jedoch herausstellte, dass "rein" gleichbedeutend mit "essbar" war.

Auch Noah selbst erwies sich als wenig sympathisch. Wenn er nicht gerade volltrunken war oder seekrank in seinem Tannenholzbett lag, betätigte er sich als "aufgeblasener Patriarch" voller Angst einflößender Willkür. So ließ Noah zum Beispiel das allseits beliebte Einhorn zu einem schmackhaften Ragout verarbeiten. "Wahrscheinlich aus Eifersucht", wie Heße als blinder Passagier vermutete.

Aber auch Noahs Söhne und Schwiegertöchter standen ihm an Selbstherrlichkeit in nichts nach. Hams Frau habe das schöne Garfunkel nur deswegen getötet, weil sich angeblich ein Edelstein in seinem Kopf befunden haben sollte, und Sem sei täglich mit dem Küchenmesser zu den Lemmingen gegangen, bis sie sich schließlich freiwillig über Bord geworfen hätten: "Da darf man sich nicht wundern, dass sie bis heute traumatisiert sind."

Mit anderen Worten: Noahs Arche war eher ein brutales Gefängnis als ein Naturschutzpark, und was den Kapitän anging, so konnte der blinde Passagier einfach nicht begreifen, warum sich Gott ausgerechnet diesen "brutalen Trunkenbold" als Retter der Natur aussuchen musste, wo doch die meisten Tiere das viel besser hätten machen können.

(lang)
 
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