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Moers
Als Oma auf Zeit hinaus in die Welt

Moers: Als Oma auf Zeit hinaus in die Welt
Dagmar Bunnick als Granny Aupair in Avignon mit ihren Schützlingen (von rechts) Maya, Nora und Laszlo. FOTO: privat
Moers. Die Moerserin Dagmar Bunnick wollte schon als Jugendliche andere Länder kennenlernen. Im Pensionsalter erfüllt sie sich den Traum: Als "Granny Aupair" war sie in Avignon und in London. Jetzt locken sie die USA. Von Josef Pogorzalek

Dagmar Bunnick ging es wie vielen, die in jungen Jahren davon träumen, fremde Länder kennenzulernen: Ihr Leben nahm seinen eigenen Lauf, und die Träume - naja. Bei der knapp 20-Jährigen angehenden Hotelfachfrau stellte eine Schwangerschaft die Weichen um. Sie heiratete, wurde Hausfrau und Mutter, jobbte bei der Post, fand eine Stelle bei den Stadtwerken Duisburg, heiratete ein zweites Mal, bekam ein weiteres Kind . . .

Was Dagmar Bunnick von vielen anderen unterscheidet: Mittlerweile 63, geschieden und im Vorruhestand, lebt sie ihre Unternehmungslust und Neugierde doch noch aus - auf Reisen, die sie mit einer guten Freundin macht, vor allem aber als "Granny Aupair". "Ich kann das jeder Frau nur raten", sagt die Moerserin nach jeweils dreimonatigen Aupair-Aufenthalten in Avignon und London. "Man lernt so viel. Und es ist eine traumhafte Gelegenheit, mit Kindern zusammenzusein." Nächstes Jahr möchte Dagmar Bunnick, die keine eigenen Enkel hat, in die USA. "Am liebsten zu einer Familie mit einem neugeborenen Kind."

Dass nicht nur junge Frauen die Möglichkeit haben, als Aupair für ein paar Monate bei einer Familie im Ausland zu leben, erfuhr Dagmar Bunnick durch einen Zeitschriftenartikel über eine Hamburger Agentur namens "Granny Aupair". Sie betreibt ein gebührenpflichtiges Internetportal, das Familien, die Aupairs im gesetzten Alter suchen, und interessierte Frauen ab 50 zueinander bringt. "Ältere Aupairs haben Vorteile", sagt Bunnick. "Familien haben zu ihnen oft mehr Vertrauen. Man muss ihnen nicht alles erst beibringen. Und sie wollen nicht, wie junge Mädchen, jeden Abend ausgehen."

Ihren ersten eigenen Einsatz als Granny Aupair (Granny = englisch Oma) hatte die Moerserin bei einer Künstlerfamilie im südfranzösischen Avignon: die Mutter eine renommierte, aus Deutschland stammende Fotografin, der Vater der damalige Leiter des Theaterfestivals von Avignon.

Dagmar Bunnick kümmerte sich um deren drei sechs- bis zwölfjährigen Kinder ("die Mutter wollte, dass sie mehr Deutsch sprechen"), brachte sie in die Schule, half bei den Hausaufgaben, kutschierte sie zum Klavierlehrer, zum Ballettunterricht oder ins Theater. "Ich konnte auch hinter die Kulissen schauen!"

Dagmar Bunnick kochte auch für die Familie. Welche Arbeit zu verrichten ist, sei ebenso Verhandlungssache wie das Finanzielle. "In Frankreich habe ich die Hälfte meiner Reisekosten und ein Taschengeld bekommen." In London, wo sie in diesem Sommer war, bekam sie dagegen nur Kost und Logis gestellt - das ist Mindestvoraussetzung -, hatte aber viel Freizeit. "Ich bin mit dem Auto hingefahren und habe mir Südengland angeschaut." Und die englische Hauptstadt ist ihr jetzt fast so vertraut wie Moers. "Ich kann dort U-Bahn fahren ohne den Plan zu Hilfe zu nehmen", sagt die 63-Jährige schmunzelnd.

Der Zufall wollte es, dass Dagmar Bunnick in London wieder in eine Künstlerfamilie kam. Die Mutter war eine Bühnenbildnerin, der Vater ein Cellist und Orchesterleiter, in der Verwandtschaft wimmelte es von weiteren Musikern. Die beiden Kinder schlossen die Moerserin in ihre Herzen, ebenso wie sie die beiden in das ihre. "Beim Abschied flossen die Tränen."

Das reine Zuckerschlecken ist das Aupair-Dasein aber nicht. "Man lebt drei Monate lang fremdbestimmt. Und man sollte sich nicht in die Erziehung der Kinder einmischen", stellt die weltoffene Seniorin klar. Aber ausgenutzt hat sie sich nie gefühlt. "Ich war Familienmitglied auf Zeit und wurde auch so behandelt." Teilnahme an Familienfeiern inklusive.

So fuhr Dagmar Bunnick selbstverständlich mit, als der in Irland lebende Vater ihres Londoner Gastgebers 80 wurde. "Eine hochinteressante Person, er hat das erste irische Ökodorf mitgegründet." Das Fest mit unzähligen Gästen, Gesang und Musik wird sie nie vergessen. "Es war eine andere Welt, wie in einem Film. Und ich, aus dem kleinen Moers, mittendrin."

Quelle: RP
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