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Moers
Am Abgrund

Moers: Am Abgrund
Alles, was man sagt und schreibt, hat einen autobiografischen Hintergrund - das sagt Aljoscha Brell. FOTO: Marcel Brell
Moers. Acht Jahre lang hat Aljoscha Brell an seinem Debütroman "Kress" gearbeitet. Der gebürtige Weseler hat ein Werk vorgelegt, das trotz seiner jetzigen Heimat Berlin nicht bloß hip ist. Von Einsamkeit, Überforderung und Irrwegen. Von Henning Rasche

Ketchup mit Toast gibt es bei Kress zu Abend. Meistens auch zum Frühstück und manchmal sogar mittags. So genau weiß man das gar nicht, weil die Tageszeiten mit den Mahlzeiten in Kress' Leben verrutschen. Sehr früh steht Kress jedenfalls auf und unterbricht seine kurze Nacht, um auf Gieshübler zu warten. Gieshübler ist Kress' Freund. Um genau zu sein: Gieshübler ist Kress' einziger Freund. Um 6.17 Uhr, so verlangt Herr Kress das, hat Gieshübler zu erscheinen, jeden Tag. Dann wirft er ein paar Krümel auf die Fensterbank und Gieshübler stürzt sich auf sie.

Gieshübler ist eine Taube. Eines dieser Viecher, nach denen Menschen in Einkaufsstraßen treten, vor denen andere angewidert das Gesicht verziehen. Aber Kress verehrt Gieshübler, er siezt seinen Freund, der nicht etwa bei ihm wohnt, sondern zu ihm herangeflattert kommen muss. Um 6.17 Uhr. Als Gieshübler eines Morgens nicht erscheint, ist Kress so erzürnt, dass er sein Fenster zum Innenhof öffnet, sich heraus lehnt und laut nach ihm brüllt. Die Nachbarn verstehen offenkundig gar nicht, welche Bedeutung Gieshübler für Kress hat. Nicht nur die Nachbarn verstehen Kress nicht, im Grunde versteht niemand Kress. Und das beruht auf Gegenseitigkeit. Der junge Kress, der auf einen Vornamen verzichtet, hält sich selbst für den letzten Denker. "Wirklich, es dürfte einen nicht weiter verwundern, dass diese ganze Generation nur aus Schwätzern bestand, wenn diese ganze Generation den lieben langen Tag nichts anderes tat als schwatzen", sagt Kress. Er hingegen denkt. Er denkt über die schwatzende Gesellschaft nach, über Goethe und hin und wieder über sich selbst.

Nun ist Kress eine Erfindung, klar. Aber Kress ist eine bemerkenswerte Erfindung. Er ist Protagonist des gleichnamigen Debütromans des gebürtigen Weselers Aljoscha Brell. Acht lange Jahre hat der 35-Jährige an dem Werk gearbeitet. Kress ist dabei herausgekommen: Ein einsamer Student in Berlin-Neukölln, den man mögen will, ihn vielleicht zum Kaffee einladen mag, der aber in den Wahnsinn abdriftet, in den Abgrund taumelt.

Kann man ihn deswegen nicht mehr mögen?

Aljoscha Brell jedenfalls hat am Telefon eine wahnsinnig freundliche Stimme. Er freut sich über das Gespräch, fragt, wie es einem geht und was man eigentlich so macht. Dabei geht es um Brell, der dieses wunderbare Buch geschrieben hat, das die Feuilletonisten in Deutschland zurecht so begeistert. Einer der Kritiker hat "Kress" als Unterhaltungsliteratur eingestuft. Stört ihn das eigentlich?

Aljoscha Brell wirkt friedliebend, er braust nicht auf, er bleibt ganz ruhig. "Das klingt abwertend, aber ich finde das nicht so tragisch, wenn Leute mein Buch als unterhaltend empfinden", sagt Brell. "Die Frage ist ja, nehme ich etwas für mich mit? Bleibt etwas haften? Das ist auch eine Kunst, die man beherrschen muss", findet der Wahl-Berliner, der hauptberuflich in einer IT-Firma arbeitet.

Und natürlich sagt Brell auch, dass er nicht wisse, ob er es ist, der diese Kunst beherrscht. Man möchte für ihn antworten: Aber, ja, lieber Herr Brell, diese Kunst beherrschen Sie.

In Wesel geboren, in Goch aufgewachsen, den Niederrhein also irgendwie als Heimat im Herzen - aber Brell wollte schon mit 18 weg, nach Berlin. Es war für ihn überhaupt gar keine Frage, in welche Stadt er geht und was er dort machen könnte. Berlin, die Stadt für Hipster und andere Leute, die glauben, ein Wohnort sei ein Lebenszweck oder gar eine Tätigkeit. Aus der Hauptstadt kommen rotzige Hipsterromane am laufenden Band, die gefeiert werden, weil da einer aufschreibt, wie, Pardon, geil diese Stadt ist. Aber Brell schreibt nicht auf, wie toll diese Stadt ist oder wie kauzig oder wie gentrifiziert oder dass alle Soja-Latte-Macchiato trinken. Brell schreibt auf, wie er denkt, dass es Menschen geht. Wie es Kress geht. Und es anderen vielleicht auch so geht wie Kress.

Kress ist mit sich und seiner Existenz eigentlich zufrieden. Er wirkt so sehr überzeugt von sich, von seinem Wirken, von seinem Denken, das lässt für Zweifel keinen Raum. Aber Kress verliebt sich, in die "Verspätung", wie er die schöne Mona nennt. Mona kommt zu spät in dasselbe Seminar, in dem er die intellektuelle Vorherrschaft innehat. Eine Unverschämtheit, findet Kress und verleiht ihr den ausschließlichen Spitznamen. Dass Kress sich verliebt, ist das Beste, was ihm passiert. Und es ist das Schlechteste, was ihm passiert. Ob er, Brell, Einsamkeit kennt? Ob da ein Teil von ihm in Kress steckt? Kress und Brell weisen ja phonetische Gemeinsamkeiten auf. Im Gespräch mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" hatte Brell gesagt, dass ihm sein Verlag geraten habe, nicht auf autobiografische Fragen zu antworten. Brell lacht, als man ihm diesen Satz vorhält. Nicht ernst gemeint, sagt er. Schließlich habe alles, was man sagt und schreibt, einen autobiografischen Hintergrund. Es stammt schließlich von einem selbst.

Wie ein Mensch sich verändert, wenn er einsam ist, nicht mal ab und zu allein, sondern richtig einsam, das lässt sich in "Kress" nachlesen. Das muss alles nicht passieren und vielleicht wechselt der Mensch doch auf die Sonnenseite, aber es kann passieren. Brell sagt, er wollte seinen Protagonisten gebrochen sehen. Das tut einem leid für Kress, aber es ist gut für den Leser des Buches.

Aljoscha Brell lädt den Anrufer dann noch zu einem Kaffee ein, nach Neukölln. Falls man mal wieder dort ist, könnte man dann doch noch über Gentrifizierung reden.

Aljoscha Brell, "Kress", 336 Seiten, Ullstein Hardcover 20 Euro

Quelle: RP
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