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Moers
Archäologen gegen Raubgräber

Moers: Archäologen gegen Raubgräber
Die Archäologin Marion Brüggler untersucht ein Fundstück, das in einem römischen Gräberfeld in der Nähe von Moers gefunden worden ist. FOTO: RP, Dieker
Moers. Immer öfter schlagen Diebe auf archäologischen Grabungsstätten in der Region zu. Die Täter plündern Grabfelder und holen Tausende Münzen aus dem Boden. In Moers schlugen sie innerhalb eines Monats gleich dreimal zu. Der Schaden ist enorm. Gegen die "Plage" ist die Polizei fast machtlos. Von Christian Schwerdtfeger und Christian Schroeder

Niederrhein Marion Brüggler kann es nicht fassen. Erst seit vier Wochen legt die 34-jährige Archäologin von der Außenstelle der rheinischen Bodendenkmalpflege Xanten in Moers ein römisches Gräberfeld aus dem zweiten und dritten Jahrhundert nach Christus frei – und bereits zum dritten Mal sind während der Nacht Plünderer gekommen und haben die abgesperrte Ausgrabungsstelle nach alten Schätzen durchwühlt. "Wir sehen immer nur die Krater, die sie hinterlassen", stöhnt die Wissenschaftlerin. "Was die Raubgräber mitgenommen haben, können wir ja nicht einmal sagen."

Nicht nur in Moers, sondern am gesamten Niederrhein breitet sich die "Plage" der illegalen Schatzsucher immer weiter aus. Zurzeit laufen entlang der so genannten Rheinschiene von Emmerich bis Königswinter rund zehn Ausgrabungen. An einem Ausgrabungsfeld in Goch erbeuteten die Raubgräber bereits Tausende römischer Münzen, berichtet Marion Brüggler. In Kalkar haben Räuber sogar schon ein ganzes Gräberfeld ausgenommen. "Die haben nichts mehr übrig gelassen. Wir haben nur noch Löcher vorgefunden", sagt die Archäologin. Die genauen Orte gibt die Rheinische Bodendenkmalpflege in Bonn zum Schutz vor Bodenräubern aber nicht bekannt.

Der niederrheinische Boden ist besonders geschichtsträchtig, birgt viele antike Schätze aus den vergangenen Jahrhunderten in sich, ist somit besonders attraktiv für "Raubgräber", wie die Gauner im Fachjargon heißen. Archäologische Funde belegen, dass es beispielsweise im Moerser Ortsteil Asberg schon in der Zeit vor Christus ein römisches Kastell mit dem Namen Asciburgium gegeben hat. Das Lager diente den Römern als Wegmarke, dort suchten sie Schutz vor den Germanen.

Nicht nur die Häufigkeit der Fälle habe sich in den letzten Jahren erhöht, auch die Qualität der "Geschichtsverbrecher" sei gestiegen. "Die sind teilweise besser ausgestattet als wir. Sie haben Nachtsichtgeräte und wissen oftmals schon vor uns, wo Schätze im Boden liegen", sagt Helmut Luley, stellvertretener Amtsleiter der Bonner Denkmalschutzbehörde. Sorgen machen ihm auch die so genannten Raubgräber-Touristen. Aus Frankreich, Belgien und den Niederlanden kommen die Schatzsucher, plündern und verschwinden wieder über die Grenze. Die Diebe machen sich in der Dunkelheit mit Spaten, Taschenlampe und Metallsonde ans Werk und holen die antiken Relikte aus der Erde. "Sie begehen damit Verbrechen an der Geschichte", sagt die Wissenschaftlerin. Nicht nur aktuelle Ausgrabungsorte sind betroffen. Auch an Stellen, wo gegenwärtig keine Grabungen laufen, es aber bekannt ist, dass die Archäologen dort schon einmal gegraben haben oder historische Schätze vermuten, wird geplündert. Deshalb treiben die Archäologen die Ausgrabungen stetig voran, versuchen die historischen Schätze vor den Räubern zu retten. "Ausgrabungen sind auch eine Prävention vor den Dieben", erklärt Helmut Luley. Sonst gebe es kaum probate Mittel gegen die illegalen Schatzsucher.

"Die Strafen sind einfach zu lasch. Wir brauchen dringend eine Gesetzesänderung, harte Strafen", fordert Luley. In der Bundesrepublik sind die rechtlichen Rahmenbedingungen fast von Land zu Land unterschiedlich. Im Gegensatz zu Sachsen-Anhalt gibt es in NRW kein so genanntes Schatzregal, das besagt, dass sämtliche Bodenfunde dem Land gehören. Zudem sei es sehr schwer nachzuweisen, dass sichergestellte Fundstücke aus Diebstählen stammen, erklärt Ralf Awater, Sprecher der Kreispolizei Wesel. Die Behörde registriert zunehmend Gräberfeld-Plünderungen. "Da wird dann einfach gesagt, die Münzen wurden auf dem Flohmarkt gekauft", berichtet der Beamte. "Wir haben nur die Chance, die Täter auf frischer Tat zu erwischen."

Die Beweggründe der Diebe sind unterschiedlich. Einige stehlen die beweglichen Bodendenkmäler, um sie zuhause in die Vitrine zu stellen, andere hingegen aus reiner Profitgier. Oftmals tauchen die geklauten Schätze auf Flohmärkten wieder auf. Der Haupthandel wurde nach den Ermittlungen der Polizei noch bis vor kurzem über das Internetauktionshaus E-Bay abgewickelt. Bis zum 1. Juli konnten dort Bodenfundschätze ohne ausgestelltes Zertifikat der zuständigen Behörden angeboten werden. Das ist seit dem 1. Juli nicht mehr möglich. "Wer keinen schriftlichen Nachweis vorlegen kann, die gesetzlichen Vorschriften nicht befolgt, wird von uns sofort gelöscht", erklärt Alexander Witt, Pressesprecher von E-Bay. Der Handel sei seitdem bereits stark rückläufig, hat Marion Brüggler beobachtet – und das lässt die Archäologin hoffen.

Quelle: RP
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