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Moers
Auf gute Nachbarschaft

Moers: Auf gute Nachbarschaft
Kleines Pläuschchen: Nachbarin Mariyam Silaly (r.) ist bei Morsal Mohammadi, deren dreijährigen Sohn Abdullah und deren Schwager Aminulla zu Besuch. FOTO: Dieker Klaus
Moers. In das Mietshaus in der Römerstraße 507 sind vor etwa zwei Monaten Flüchtlinge gezogen. Einige langjährige Mieter waren zunächst skeptisch, mittlerweile sind sie mit den neuen Nachbarn befreundet. Von Elena Erbrich

Von außen wirkt das Mietshaus in der Römerstraße 507 eher unscheinbar. Die Außenfassade ist alt und trist. An den Bäumen im Hof stehen viele Fahrräder, die den Ort etwas bunt machen. Die Bewohner des Hauses sind Familien, die schon sehr lange darin wohnen. Vor ungefähr zwei Monaten kamen dann noch Flüchtlinge dazu, hauptsächlich Familien, aber auch Alleinstehende.

Wenn das Wetter gut ist, treffen sich die Bewohner des Hauses in der Römerstraße 507 draußen. FOTO: Klaus Dieker

Einige Mieter zweifelten vor dem Einzug der Flüchtlinge daran, ob das Zusammenleben in dem Haus funktioniert. Sie wendeten sich unter anderem an den Bürgermeister, machten deutlich, dass sie sich sorgten. Die Stadt setzte daraufhin zwei Betreuer für das Haus in der Römerstraße ein: Nabil Sliwa und Saile Karabulut.

Als Corinna Hollenberg erfuhr, dass Flüchtlinge einziehen, war sie ganz entspannt. "Ich habe gedacht, dass die Menschen genauso gute Nachbarn sein können wie andere auch", sagt die 44-Jährige, die seit zehn Jahren in dem Haus lebt. Auch ihr elfjähriger Sohn hatte keine Vorurteile gegenüber den neuen Nachbarn. "Er ist quasi multikulti erzogen. Schon im Kindergarten hat er das Zuckerfest gefeiert", sagt Hollenberg. Von ihren neuen Nachbarn ist Hollenberg begeistert. Gerne unterhält sie sich auf dem Flur mit ihnen. "Sie sind so freundlich. Wir reden dann auf Deutsch und Englisch und mit Händen und Füßen", sagt sie und grinst. Über die kleinen Anfangsschwierigkeiten kann sie jetzt nur lachen. "Zu Beginn war es sehr laut im Haus. Da hat auch schon einmal in der Wohnung über mir nachts um zwei Uhr jemand gestaubsaugt. Ich habe mich aber nie beschwert", betont Hollenberg. "Ich habe mir immer gedacht, dass sich das schon wieder normalisieren wird, und so war es auch."

Neben dem Einhalten der Ruhezeiten sei auch die Mülltrennung anfangs einigen neuen Nachbarn schwer gefallen. "Wir sind damit aufgewachsen, aber die Flüchtlinge meistens nicht. Und auch uns passieren mal Fehler beim Mülltrennen", sagt Hollenberg. Andere Nachbarn beschwerten sich bei den Betreuern: Ihnen gefiel zum Beispiel nicht, dass die neuen Mieter ihre Wäsche zum Trocknen über die Balkonbrüstungen legten. Aber nach und nach entwickelten auch sie ein gutes Nachbarschaftsverhältnis zu den Flüchtlingen. Mittlerweile sind einige der langjährigen Mieter sogar mit den neuen Bewohnern des Hauses befreundet.

"Ohne Probleme geht es nicht, schließlich ist das Leben der Flüchtlinge in ihren Heimatländern ganz anders gewesen", sagt Betreuer Nabil Sliwa. "Als wir merkten, dass die Mülltrennung nicht klappt, haben wir eine Schulung für die Flüchtlinge gemacht und seitdem läuft es gut", erklärt Sliwa. Er selbst kam 1995 aus dem Irak nach Deutschland und spricht sechs Sprachen. Das hilft ihm bei seiner Arbeit mit den Einwanderern.

Bevor Anfang September die ersten Flüchtlinge in das Haus zogen, standen mehr als die Hälfte der Wohnungen leer. Etwa zehn Wohnungen werden von langjährigen Mietern bewohnt, 19 von Flüchtlingsfamilien und alleinstehenden Einwanderern. "In den nächsten Wochen ziehen noch weitere Flüchtlinge ein", erzählt Sliwa. In Moers sei das Haus in der Römerstraße 507 einzigartig. Nirgendwo würden so viele Flüchtlinge mit deutschen Familien zusammenwohnen. Sliwa und seine Kollegin Karabulut organisierten auch eine Kennenlernparty. "Das war eine sehr gute Idee", sagt die 35-jährige Mariyam Silaly, die seit Februar 2016 in Deutschland ist und seit zweieinhalb Monaten in dem Haus in Moers lebt. "Das hat erste Barrieren abgebaut. Die Atmosphäre war sehr gut."

Silalys Nachbarin und Freundin Morsal Mohammadi, die aus Afghanistan mit ihrer Familie nach Deutschland geflohen ist, freut sich über die Herzlichkeit ihrer deutschen Nachbarn. "Sie geben uns das Gefühl, dass wir keine Last sind und wir dazugehören", sagt die 24-Jährige. "Sie helfen uns auch so viel. Wenn die Betreuer einmal nicht da sind, dann können wir zu ihnen gehen und sie versuchen, uns das zu übersetzen, was in unserer Post steht." Noch funktioniere das meistens auf Englisch und mit Händen und Füßen. Beide Frauen wollen aber unbedingt so schnell wie möglich Deutsch lernen. "Wir wollen dazugehören und das geht nur, wenn wir Deutsch sprechen können", sagt Silaly. "Und wir wollen schnell in die Arbeitswelt, schließlich haben wir in unseren Heimatländern auch gearbeitet und wir wollen dem deutschen Staat etwas zurückgeben."

Quelle: RP
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