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Das Porträt Chinmayo
Baum sei Dank

Das Porträt Chinmayo: Baum sei Dank
Der Duisburger Künstler Chinmayo zeigt eines seiner zahlreichen Werke: Die Kreativität des 80-Jährigen ist ungebrochen. FOTO: Andreas Probst
Moers. Der bekannte Duisburger Künstler wird heute 80 Jahre alt. Zurzeit beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit der Bearbeitung von Naturmaterialien. Sein Haus in Meiderich soll nach seinem Tod ein Atelierhaus der Stadt werden. Von Peter Klucken

Duisburg Sein Name Chinmayo wundert heute in der Stadt niemanden mehr. Der Künstler ist seit vielen Jahren fester Bestandteil der Duisburger Kunstszene. Er ist einer ihrer bekanntesten Vertreter. Und gewiss gehört Chinmayo zu den beliebtesten Duisburger Künstlern. Heute vollendet er sein 80. Lebensjahr. Wenn man ihn sieht, kann man es kaum glauben. Chinmayo wirkt viel jünger, in Wort und Tat ungemein lebendig.

Da wird einem fast beklommen ums Herz, wenn er von seinem Wunsch erzählt, dass er sein großes Haus in Meiderich, das auch sein Geburtshaus ist, nach seinem Tod der Stadt "vererben" möchte: als städtisches Atelierhaus, in dem eine Künstlerin oder ein Künstler lebt und in dem zwei oder drei andere Künstler tageweise arbeiten können. Der Duisburger Künstlerbund soll ein Mitspracherecht haben, so Chinmayos Wunsch, wer das Haus nutzen darf. Sein Haus selber bezeichnet Chinmayo schon heute als "Labor zur Erforschung kreativer Energien". Vermutlich ist Chinmayos ungebrochen kreatives Denken auch ein Grund für sein fast altersloses Erscheinen. Ein weiterer Grund ist gewiss seine positive Ausstrahlung und seine Freundlichkeit gegenüber seinen Gesprächspartnern.

Derzeit beschäftigt sich der Künstler besonders mit Naturmaterialien wie bei diesem Werk, das im Garten des Künstlers steht. (re.). Sein Haus in Meiderich wil er nach seinem Tod der Stadt vererben (unten). FOTO: Andreas Probst

Ob das mit seiner Verbundenheit zum indischen Guru Osho (1931-1990) zu tun hat, ist schwer zu sagen. Jedenfalls macht Chinmayo kein großes Aufheben davon, dass er in den 80er Jahren Sannyasin wurde und seinen bürgerlichen Namen Hermann Joseph (James) Schmitz ablegte. Chinmayo steht als Künstlername in seinem Pass. Zweifellos ist er von einigen Gedanken Oshos beeindruckt, dessen Reden beispielsweise in dem Band "Die verborgene Harmonie" wiedergegeben sind. Ansonsten kann man in Chinmayo fast die menschliche Verkörperung des Gegenteils von Fanatismus sehen.

Chinmayo kam am 16. Juni 1936 in jenem Neudorfer Krankenhaus zur Welt, das später ein Gebäude der Duisburger Uni wurde. Die Hochschule war auch jahrelang sein Arbeitgeber. Als Diplomverwaltungswirt hat er fast 20 Jahre lang dort sein Geld verdient. Dass am Dellplatz ein Studentenwohnheim gebaut wurde, "geht auf meine Kappe", so Chinmayo. Heute gilt ein Platz in dem Studentenwohnheim in der Innenstadt als attraktiv, auch wenn dieser nicht direkt am Campus liegt.

Schon als Schüler fühlte er sich zur Kunst hingezogen. Chinmayo erinnert sich: "Der Satz meines Kunstlehrers ,Malen wie es aus der Seele fließt', am Max-Planck-Gymnasium in Meiderich ließ die Kunst als ein Medium begreifen, mich selbst zu überraschen." Er habe einen intensiven Selbsterforschungsprozess durchlaufen, getragen von dem Satz "Jeder ist sich selbst der Fernste".

Seit mehr als 50 Jahren arbeitet Chinmayo nun künstlerisch in Duisburg. Übrigens nicht nur als bildender Künstler, sondern auch als Autor von Gedichten und Geschichten sowie Berichten von seinen Reisen als Künstler, wo er versucht, "mit eigenen und fremden Augen" seine Eindrücke an anderen Orten zu erfassen.

Heutzutage ist Chinmayo ein über die Stadtgrenzen hinaus bekannter Künstler, der mit Naturmaterialien arbeitet. Abgestorbene Äste, von Holzfällern zurückgelassene Stümpfe, Holzabfälle und Ähnliches sucht und entdeckt er beispielsweise im Meidericher Stadtpark, der hinter seinem Garten beginnt. Mit behutsamen Eingriffen, mal mit viel, mal mit wenig Farbe akzentuiert er seine Fund- und Suchstücke, wertet sie dadurch auf, ohne die Ursprünge zu kaschieren.

Gelegentlich schreibt er auch einzelne Worte, markante Sentenzen, Leitgedanken oder auch Bekenntnisse (etwa für das Volk der Tibeter) auf seine Objekte. Ein wichtiges Werk für den Künstler ist ein "Wörterfeld", bei dem Chinmayo auf 48 Ziegelsteinen Schlüsselwörter aus einem für ihn persönlich wichtigen Brief geritzt hat. Die Ziegelsteine liegen im Freien. Das Moos und die Flechten, die sich auf den Steinen in den Ritzen bilden, entfernt der Künstler nicht.

Ein besonders eindrucksvolles Werk hat Chinmayo kürzlich der Zentralbibliothek geschenkt. Ein "Epitaph für die verbrannten Bücher". Die Arbeit soll, so sagte es der Künstler, "angesichts des für mich immer noch Unfassbaren ein Zeichen setzen". Chinmayo hat die Reste eines Baumstamms, der "Lesepulthöhe" hat, entrindet und Schwarz und Rot eingefärbt. In die Lesefläche hat er zwei Halbedelsteine eingefasst, die Tucholsky und Kästner symbolisieren, zwei Autoren, die von den Nazis verfolgt wurden. Die Holzstele steht auf einer fahrbaren Platte. Das Kunstwerk soll durchaus auch als Lesepult genutzt werden.

"Baum sei Dank" ist der Titel eines Chinmayo-Werks, in dem seine Naturverbundenheit mit einer gewissen Prise Humor schön zum Ausdruck kommt.

Geschätzt wird Chinmayo nicht nur als Künstler, sondern auch als Vermittler; eine Rolle, die er aufgrund seiner Lebenseinstellung gern übernimmt. Beim Konflikt zwischen Oberbürgermeister Sören Link und dem Künstler Gregor Schneider, dessen geplante Ausstellung im Lehmbruck-Museum Link untersagte, hat Chinmayo versucht, die beiden wieder an einen Tisch zu bringen. Und in Duisburgs Künstlerschaft ist Chinmayo ohnehin eine fast natürliche Vermittlerpersönlichkeit. Nicht zuletzt deshalb, weil er im Laufe der Jahre vielen Kunstvereinigungen in der Stadt und der Region angehört hat. Die "verborgene Harmonie", die so manche seiner Kollegen nicht erkennen können, versucht Chinmayo immer wieder aufs Neue ans Licht zu bringen.

Quelle: RP
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