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Moers
Bengale schreibt Knigge für Flüchtlinge

Moers: Bengale schreibt Knigge für Flüchtlinge
Abdullah Al Raihan aus Bangladesh arbeitet täglich in der Moerser Agentur KLXM an seiner Homepage für Flüchtlinge (auf dem Notebook und im Hintergrund). FOTO: Klaus Dieker
Moers. Ein politischer Flüchtling aus Bangladesch hat mit Hilfe einer Moerser Werbeagentur Tipps für Ausländer verfasst. Von Jürgen Stock

Wasser ist nicht gleich Wasser. Da gibt es Leitungswasser, Tafelwasser, stilles Wasser, sprudelndes Wasser. Alles ganz normal. Für Deutsche, aber nicht für jemanden aus Bangladesch. "Als ich hier in ein Restaurant kam und nach einem Glas Wasser gefragt habe, bin ich gefragt worden, was für ein Wasser ich gerne hätte. Das habe ich anfangs gar nicht verstanden", sagt Abdullah Al Raihan, der in Dacca, Bangladesh geboren wurde. Seit kurzem schreibt er in den Büroräumen der Moerser Werbeagentur KLXM für eine Homepage, in der er von seinen Erfahrungen in Deutschland berichtet. Die Seite heißt www.refmag.de. Die Sprache ist Englisch: So einfach, dass viele sie lesen können.

Die Seiten zeigen den Blick eines Flüchtlings. Sie richten sich an Menschen in einer ähnlichen Lebenssituation. Aber sie zeigen auch den Blick eines Journalisten.

Al Raihan ist 33 Jahre alt. Nach dem Studium arbeitete er sechs Jahre als Fernsehjournalist. Wahrscheinlich würde er das heute noch tun, wäre sein Land nicht von einer Welle islamistischer Gewalttaten heimgesucht worden, der auch viele Journalisten zum Opfer fielen. So setzte er sich Ende 2015 nach einer internationalen Konferenz in Paris ab und landete schließlich nach mehreren Zwischenstationen in einer Flüchtlingsbaracke an der Filderstraße in Moers. Für refmag.de schreibt er über seine Erfahrungen. Da geht es um Kleinigkeiten, wie die Sache mit dem Wasser, aber auch um Grundsätzliches. Eines der Kapitel handelt das Grundgesetz ab. Al Raihans Zusammenfassung wäre auch auch als Einführung ins Thema für eine deutsche Schulklasse denkbar.

Al Rahin schreibt über die Bedeutung des Job Centers, klärt darüber auf, dass man mit dem Moers Pass keine Landesgrenzen überschreiten kann und weist Muslime auf die für sie verbotene Gelatine in Gummibärchen hin. "Information ist alles", sagt der Journalist. "Ich bin eine ganze Weile lang nur zu Fuß gegangen, weil ich den Busfahrplan nicht lesen konnte. Und ich hatte eine ganze Nacht lang Bauchschmerzen, weil ich nicht wusste, an wen ich mich hätte wenden können."

So enthält die Web-Seite viele praktische Tipps: sowohl allgemeine, als auch ganz konkret auf Moers bezogene. Am spannendsten aber sind die Passagen, in denen dem Bengalen so etwas gelingt wie dem Freiherrn von Knigge vor mehr als 200 Jahren in seinem Buch "Über den Umgang mit Menschen": eine sozialphilosophische Betrachtung deutscher Befindlichkeiten. Beispiel: "Deutsche schätzen ihre Privatsphäre. Das lässt sie manchmal distanziert wirken. So ist es völlig normal, über Stunden neben einem Fremden im Zug zu sitzen und nur ,hallo' zu sagen."

In die Agentur KLXM geriet All Rahin, weil er unter seinen Zeugnissen auch ein Diplom in Informatik war und KLXM eine Praktikumsstelle angeboten hatte. "Aber wir haben sehr rasch gesehen, dass er mit einfachen Grafikanwendungen unterfordert ist", sagt Christian Hommel, einer der Agenturchefs. Er und sein Kompagnon Achim Müntel würden das Projekt gerne ausbauen und Al Rahin, aber auch anderen Journalisten unter den Flüchtlingen, die Möglichkeit bieten, sich journalistisch zu betätigen - und damit auch Geld zu verdienen. Doch das, hat Al Raihan schon erfahren, ist in Deutschland kompliziert - noch komplizierter als die Sache mit dem Wasser.

Quelle: RP
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