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Moers
Blackout Moers - ein Krisenszenario

Moers. Kein Licht, keine Ampel, keine Telekommunikation - ohne Strom herrscht in Moers das absolute Chaos. Einen absoluten Schutz gegen den Stromausfall gibt es nicht. Die Herausforderungen heißen Sabotage, Klimawandel und technische Defekte. Von Kilian Treß

"Blackout - Morgen ist es zu spät" heißt ein Roman von Marc Elsberg. Nach einem Stromausfall in ganz Europa vermutet ein IT-Experte einen Hackerangriff - seine Warnungen laufen aber ins Leere. Der Kampf ums Überleben beginnt. Wie schnell aus einen Science-Fiction-Thriller Wahrheit werden kann, erlebten am Montag die Bewohner zwischen Wesel, Rheinberg und Hünxe. Gegen sieben Uhr am Morgen fiel mit einem Schlag in zehntausenden Haushalten am Niederrhein der Strom aus.

Kein Licht, kein Fernseher, kein Kühlschrank, und viel dramatischer: Die gesamte Telekommunikation lag brach - kein Telefon, kein Handynetz, kein Internet. Sogar der regionale Rundfunksender Radio KW blieb still. Auch die Ampeln fielen aus. Ein echtes Chaos-Szenario. Hintergrund für den 45-Minuten-Blackout war allerdings kein Hackerangriff, sondern bloß ein technischer, folgenreicher Defekt in einem Umspannwerk der Firma Amprion.

"Wir sind noch immer auf der Suche nach dem genauen Fehler", sagt Amprion-Sprecher Andreas Preuß am Dienstag. "Wir wissen nur, dass eine defekte Sammelschiene den Stromausfall auslöste." Ein solches Umspannwerk steht auch im Moerser Stadtteil Utfort. Die 110-Kilovolt-Leitungen verbinden in einer Schaltgruppe nach Angaben der Westnetz-AG Moers, Neukirchen-Vluyn und Duisburg-Hochfeld, eine zweite Schaltgruppe den Rheinberger Stadtteil Vierbaum sowie Kamp-Lintfort.

Sollte in Utfort derselbe Fehler passieren, wären das die betroffenen Kommunen. "Solche Fehler wie in Wesel sind sehr selten, aber sie können immer passieren", betont Amprion-Sprecher Preuß. "Ein Komplett-Ausfall für Strom, Wasser, Gas und Wärme ist gleichbedeutend mit einem massiven Eingriff in das tägliche Leben der Menschen", sagt Kai Gerhard Steinbrich, Technischer Bereichsleiter des Energieanbieters für Moers und Neukirchen-Vluyn, der Enni.

Die Krankenhäuser St. Josef und Bethanien beispielsweise wären im Falle eines solchen Blackouts gerüstet - im Bethanien springt ein Diesel-Notaggregat sofort an und speist nach etwa acht Sekunden Strom ein, zwischen acht und zwölf Sekunden dauert dasselbe im St.-Josef-Krankenhaus: "Dann werden etwa 60 Prozent des Hauses versorgt. Darunter OP-Säle und Intensivstation", sagt Krankenhaussprecherin Bettina Ozwirk. Die Linksniederrheinische Entwässerungs-Genossenschaft (Lineg) hat, wie Pressesprecherin Elke Wimmer sagt, aus dem "Münsterländer Schneechaos" in der ersten Adventwoche 2005, als in und um Münster für eine Woche der Strom ausgefallen war, gelernt und Notfallpläne für ihre Anlagen erstellt.

"Wir haben eine Prioritätenliste erstellt, welche Anlagen sofort und welche später Strom brauchen. Diese wurden entsprechend mit Notaggregaten ausgestattet. Im Moerser Klärwerk springen die Aggregate nach wenigen Sekunden an. Die Pumpen im Moersbach dagegen bräuchten nicht sofort Strom. "Bis das Grundwasser steigt, und die Innenstadt unter Wasser steht, dauert es bis zu sechs Wochen", sagt Wimmer. Das Alltagsleben läge jedoch brach.

Auf große Stromausfälle in vorgelagerten Netzen hat die Enni zwar keinen Einfluss, lokal investiert das Unternehmen aber jährlich zweistellige Millionenbeträge in die sichere Versorgung (etwa elf Millionen Euro für 2017). Ein Schwerpunkt: Rückbau und Wartung störungsanfälliger Freileitungen. "Herzstück für den Betrieb der Energienetze ist das Netzleitsystem - damit erfolgt die Überwachung und Steuerung der Stromversorgung", sagt Kai Gerhard Steinbrich.

"Die Technik ist redundant aufgebaut." Das heißt: Fällt eine Stromleitung aus, fließt die Energie meist schnell über andere Leitungen in die Haushalte. Dennoch sind Notfallpläne auch für Krisenszenarien in Handbüchern festgelegt. "Im Rahmen des Technischen Sicherheitsmanagements lassen wir uns hierzu kontinuierlich von neutralen Stellen überprüfen und zertifizieren.", sagt Steinbrich. "Einen vollkommenen Schutz wird es - zum Beispiel auch bei sehr hoher krimineller Energie - wohl nicht geben", sagt Steinbrich.

Gemeint ist damit einerseits die Sabotage an neuralgischen Punkten des Stromnetzes, die von Kriminellen oder Terroristen gezielt attackiert werden könnten, um einen Blackout herbeizuführen. Andererseits spricht Steinbrich auf das Thema "Hacker" an, das in den Zeiten des digitalen Wandels auch in der Stromversorgung immer wichtiger wird. Jedes einzelne Windrad oder Heizkraftwerk verfügt über eine eigene Internetverbindung, um Informationen abrufen zu können.

Die Theorie: Ein Hacker braucht nur eine der IPs, um Zugriff auf eine Anlage und somit auf das Stromsystem zu erhalten. Der Hacker könnte Stromzähler manipulieren, er kann aber auch einzelne Anlagen fremdsteuern oder gleich die Übernahme des Systems bis hin zum Abstellen des Stroms für eine ganze Stadt einleiten. Das zeigte sich in der Krimkrise, als vermeintlich russische Hacker Weihnachten 2015 einen großen Teil der Ukraine mithilfe einer manipulierten Word-Datei lahmgelegt haben.

"Wir können unsere Anlagen gerade aufgrund der Gefährdung auch ohne das Internet steuern", sagt Steinbrich. Standards werden vom Bundesamt für Sicherheit und Informationstechnik (BIS) vorgegeben, an diese halten wir uns." Was für Moers zwar in weiter Ferne scheint, ist in Deutschland offenbar trotzdem möglich. Ein deutscher Hacker (Felix Lindner, alias FX) führte beispielsweise in einem Demonstrationslauf die Stadtwerke in Ettlingen (Baden-Württemberg) vor.

Binnen weniger Sekunden hatte der Hacker die Kontrolle und hätte das System ausschalten können. Ende 2016 sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel der Deutschen Presseagentur: "Cyber-Angriffe gehören heute zum Alltag, und wir müssen lernen, damit umzugehen." "In Moers sind uns bisher keine Zugriffe mit erkennbaren Auswirkungen bekannt", sagt Kai Gerhard Steinbrich. Dennoch ist sich Steinbrich wie die gesamte Branche der Gefahr bewusst: "Der Aufwand für die IT-Sicherheit steigt ständig, auch weil der Gesetzgeber die Sicherheitsanforderungen immer wieder verschärft hat.

Wir tun alles dafür, dass die Versorgungssicherheit nicht gefährdet ist."

Quelle: RP
 
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