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Klingelbeutel
Bloß nicht alt sein!

Moers. Wie viel Respekt hat unsere Gesellschaft noch vor Älteren? Und wer will heute noch alt sein?

Alte Menschen klagen oft über einen respektlosen Umgang mit ihnen. Früher war es selbstverständlich, einem alten Menschen einen Sitzplatz anzubieten, wenn keiner zur Verfügung stand; das ist aus dem gesellschaftlichen Umgang miteinander fast völlig verschwunden. Man kann nun darüber feststellen, wie rücksichtslos unsere Gesellschaft im Umgang mit dem Altsein und Altwerden geworden ist. Aber eigentlich ist dieser äußerliche Umgang mit dem Alter, die Missachtung, das Vergessen, nur ein deutlicher Hinweis auf die innere Verfassung von uns allen. Denn das Altwerden und Altsein wird von uns selber gefürchtet. 60-Jährige wehren sich, wenn man sie als alt bezeichnet. Sie betrachten sich selber nicht als alt. Sie erfahren sich als neue Erlebnisgeneration. Sie können noch alles oder vieles und sind oft genug auch noch stolz auf ihre Leistungsfähigkeit. Gott bewahre - bloß nicht alt werden und schon gar nicht sein! Wir fürchten die eigene Schwäche des Alters, den Verlust der Lebensmöglichkeiten, die zunehmende Abhängigkeit von anderen. Wir fürchten den Verlust der Autonomie und mit der eigenen Bedürftigkeit können wir gar nicht richtig umgehen. Wir versuchen, sie zu verstecken oder verleugnen sie gar. Wir straffen unsere Körper, überschminken die Zeichen des Alters oder Altwerdens. Bloß nicht zeigen, wie es wirklich um uns steht. Und weil es so in uns selber aussieht, verhalten wir uns nach außen auch so abwehrend, gedankenlos und durchaus auch rücksichtslos gegenüber denen, die ihr Altsein nicht mehr verstecken können. Die äußere Respektlosigkeit gegenüber den Alten unserer Gesellschaft ist der Spiegel unserer eigenen Verachtung für unsere eigene Schwäche und Bedürftigkeit.

Weil es so in uns selber so aussieht, geht es auch außen um uns herum so zu. Das Altsein hat keinen Wert mehr in sich. Nur das "Noch-Nicht-Alt-Sein" zählt. Das aber ist eine Verkennung des Lebens und damit eine Unkenntnis Gottes. Die tiefe Bedeutung des Lebens, seine eigentliche Bestimmung, lässt sich nicht erfahren, wenn man nur auf Stärke, Durchsetzungsfähigkeit und damit auf Jung-Sein setzt. Gerade die Lebensphasen, in denen wir schwach sein durften und bedürftig waren, eröffneten uns den Zugang zu Lebensdimensionen, die uns zuvor unbekannt waren. So erfuhren wir in diesen Zeiten der Schwäche und Bedürftigkeit Zuwendung, Liebe und Begleitung. Wir konnten sie annehmen und uns schenken lassen. Das war bei uns allen der Fall, als wir als kleine Kinder noch völlig bedürftig waren. Und das war bei vielen von uns der Fall, als wir zeitweise z.B. durch Krankheit auf die Hilfe und Zuwendung von außen angewiesen waren. Auch hier erfuhren wir die Zuwendung von anderen nur, weil wir uns in unserer Bedürftigkeit für sie öffneten. Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der HERR. (Losung für den Monat März aus dem 3. Buch Mose 3,32). Damit ist nicht nur der Umgang mit dem Altsein anderer Menschen gemeint, sondern vor allem auch eine innere Umkehr im Umgang mit dem eigenen Altwerden.

CLAUS BRANDIS, PFARRER EV. KIRCHENGEMEINDE SCHWAFHEIM

Quelle: RP
 
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