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Moers
Bundestag schickt Moerser in die Wüste

Moers: Bundestag schickt Moerser in die Wüste
Constantin Borges in der Wüste bei Phoenix/Arizona. Er ist im Rahmen eines Partnerschaftsprogramms des Bundestags als sogenannter Junior-Botschafter der Bundesrepublik in den USA. FOTO: Borges
Scottsdale/Moers. Der Jungliberale Constantin Borges ist als "Junior-Botschafter" in den USA. Von Josef Pogorzalek

Unglaublich, aber wahr: Es gibt Gegenden, in denen sich die Leute höhere Steuern wünschen. Beispiel Arizona: "Seit 1975 sind hier die Steuern nur gekürzt worden, weil die Politiker wiedergewählt werden wollten", berichtet Constantin Borges. "Dadurch gibt es eine Unterfinanzierung im Bildungsbereich." Die Probleme seien so groß, dass viele jetzt höhere Steuern begrüßen würden. Constantin Borges, 21, ist Moerser und im Rahmen eines Partnerschaftsprogramms des Bundestags als sogenannter Junior-Botschafter der Bundesrepublik in den USA.

Der Deutsche vermittelt den Amerikanern ein Bild seiner Heimat, deren Politik und Kultur (anfangs hätten ihn viele allen Ernstes nach seiner Lederhose gefragt) und lernt im Gegenzug eine Menge über die Vereinigten Staaten. Um das Stipendium des Bundestags zu bekommen, musste er sich bewerben und ein Auswahlverfahren absolvieren. Ausschlaggebend war eine "Nominierung" durch den Moerser Bundestagsabgeordneten Siegmund Ehrmann.

"Er war super, er hat nicht meine Partei gesehen, sondern die Person." Borges betont das, weil Ehrmann Sozialdemokrat ist, und er selbst FDP-Mitglied. Borges war Vorsitzender der Jungliberalen in Moers, sein Vater ist Vorsitzender des FDP-Stadtverbands. Seit August lebt Borges in einer Gastfamilie in Scottsdale, einem Vorort von Phoenix, Arizona, der in den 1990er Jahren den Titel "lebenswerteste Stadt der USA" erhielt.

Am Scottsdale Community College hat Borges Kurse in Wirtschaft, Rechnungswesen und Spanisch belegt. "Alles ist hochtechnologisiert, es gibt nur wenige Unterrichtsstunden, aber viele Online-Hausaufgaben." In Moers war Borges nach einer kaufmännischen Ausbildung bei der Sparda-Bank tätig. "Ich habe gekündigt und alle Brücken abgebrochen." Sein derzeitiger Zukunftsplan sieht vor, nach der Rückkehr in Deutschland Wirtschaftswissenschaften zu studieren.

Ab Januar wird Borges in den USA als Rezeptionist in einem Hotel arbeiten. Ein halbes Jahr Uni, ein halbes Jahr Arbeit, so sehe es das Junior-Botschafter-Programm vor. Den Hotel-Job hat er sich selbst gesucht. In einer Bank sei nichts zu finden gewesen. "Die Banken haben es im Moment auch hier schwer." Scottsdale liegt in der Sonora-Wüste. "Nachts ist es extrem kalt, tagsüber wird es jetzt noch 25 bis 30 Grad heiß." Der berühmte Grand Canyon ist nur zweieinhalb Autostunden entfernt.

Aber ein politischer Mensch wie Borges nutzt seine Freizeit natürlich nicht nur zum Sightseeing. Er ist Mitglied des Studentenparlaments an seinem College. Und er wurde zu einer "Town Hall" eingeladen, einem mehrtägigen Bürgerforum, bei dem er über die Finanzen Arizonas und die eingangs erwähnten (zu) niedrigen Steuern mitdiskutieren durfte. "Die Town Halls stammen noch aus der Kolonialzeit. Die Leute beraten regelmäßig über verschiedene Themen.

Ihre Empfehlungen werden geachtet und gehen an Politiker, Unis, wissenschaftliche Institute." Auch im zurückliegenden Präsidentschafts-Wahlkampf war Borges mit von der Partie. Einen Tag lang rief er Leute an, um sie zur Wahlurne zu locken - für die Republikaner. "Eigentlich hatte ich mich bei den Demokraten angemeldet." Aber sein Gastvater, ein überzeugter Republikaner, habe ihn irgendwie überrumpelt. "Plötzlich hatte ich ein Headset in der Hand .

. ." Nach einem Tag hatte es Borges jedoch satt, sich von Leuten am Telefon beschimpfen zu lassen. Er hatte sich einen Wahlkampf wie in Deutschland vorgestellt - am Supermarkt Ballons verteilen und mit den Menschen reden. "Aber so etwas gibt es hier nicht." Arizona ist ein konservativer Staat. Vor der Wahl habe ein republikanisch gefärbter TV-Sender viel über die Flüchtlinge in Deutschland und angebliche Fehler von Kanzlerin Angela Merkel berichtet.

"Am Tag nach der Wahl waren viele Leute in einer Schockstarre. Sie haben nicht mit einem Sieg Trumps gerechnet." Bei Facebook berichtet Borges über seinen Aufenthalt in den USA. Zum Beispiel über ein Oktoberfest eines German Clubs, bei dem er eine Frau traf, die vor 50 Jahren aus Moers in die USA ausgewandert war. "Sie hatte früher an der Homberger Straße gelebt." Die unverhoffte Begegnung brachte Borges eine Einladung zum Rouladen-Essen ein - ein Stück niederrheinische Heimat in der Ferne.

Quelle: RP
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