| 00.00 Uhr

Moers
Das Handwerk baut auf Flüchtlinge

Moers: Das Handwerk baut auf Flüchtlinge
Diakaridia Samake aus Mali (Mitte) und Sedik Redjouh aus Algerien üben sich als Maurer. Ausbilder Andreas Lämmerzahl schaut den beiden auf die Finger. FOTO: KLaus Dieker
Moers. Betriebe haben Probleme, Lehrstellen zu besetzen. Mit Qualifizierungskursen für junge Flüchtlinge, wie jetzt im Moerser Vredenhof, ziehen die Kreishandwerkerschaften Wesel und Duisburg deshalb selbst Nachwuchs heran. Von Josef Pogorzalek

Im Vredenhof an der Römerstraße lernt Sedik Redjouzh den Umgang mit der Maurerkelle. Gerade hat er eine Reihe Kalksandsteine auf eine andere gesetzt. Ausbilder Andreas Lämmerzahl ist noch nicht zufrieden. "Hier Mörtel, hier Mörtel, hier Mörtel . . ." sagt er und zeigt auf die Fugen. "Sonst sind die später hohl und das Haus stürzt ein." Redjouh ist vor zwei Jahren als Flüchtling aus Algerien nach Deutschland gekommen. Seit August nimmt er an einer Bildungsmaßnahme teil, mit der die Kreishandwerkschaften Wesel und Duisburg gezielt Flüchtlinge als Nachwuchs fürs Handwerk gewinnen wollen. "Perspektiven für junge Flüchtlinge im Handwerk" heißt Programm, das die Agentur für Arbeit finanziert und der "Integration Point" des Jobcenters begleitet. "Wir haben Probleme, die Ausbildungsstellen zu besetzen", sagt Kreishandwerksmeister Günter Bode. Zwar haben in diesem Jahr kreisweit rund 600 junge Leute Ausbildungen in Handwerksberufen angetreten; das sind zehn Prozent mehr als im letzten Jahr. Aber immer noch seien mindesten 350 Stellen unbesetzt, sagt Barbara Ossyra von der Agentur für Arbeit. Dank der "Perpektiven" ist die Lücke bereits etwas kleiner geworden. Achtmal hat das Programm bisher stattgefunden. "Wir konnten bereits 30 Flüchtlinge in Ausbildung bringen", freut sich Frank Bruxmeier von der Kreishandwerkerschaft Duisburg. In der Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt sei die Region Vorreiter: "Landesweit, wenn nicht sogar bundesweit."

Die neunte Runde der "Perspektiven" ist die erste, die in Moers stattfindet und die erste, die ausschließlich Bauberufen vorbehalten ist. Im Moerser Vredenhof hat die Baugewerksinnung einen Lehrbauhof. Acht Männer aus Eritrea, Mali, Algerien, Afghanistan, Algerien und Marokko schnuppern dort montags bis freitags, jeweils von 8.15 bis 15 Uhr, in Bauberufe wie Maurer, Trockenbauer, Fliesenleger oder Maler rein. Die Teilnehmer, 18 bis 21 Jahre alt, werden von zwei Ausbildern und einem Sozialpädagogen betreut. Neben der Berufspraxis stehen zweimal die Woche Mathematik und Deutsch auf dem Lehrplan. Auch ein mehrwöchiges Betriebspraktikum ist Teil der sechs Monaten langen Maßnahme. Stellen sich die Flüchtlinge gut an, können sie anschließend eine Langzeitqualifizierung in einem Betrieb antreten - mit dem Ziel, sie zum 1. August 2018 in eine Ausbildung zu vermitteln. "Wir sind froh, unseren Betrieben geeignete Lehrlinge anbieten zu können", sagt Baugewerks-Obermeister Rudolf Rosenberger. Die Flüchtlinge seien pünktlich, zuverlässig und hochmotiviert.

Vor allem Flüchtlinge aus "sicheren Drittstaaten" seien sehr Interessiert an einer Ausbildung, sagt Barbara Ossyra. Denn diese eröffne ihnen eine Bleibeperspektive in Deutschland: Nach der "drei plus zwei"-Regelung wird Flüchtlingen ein Bleiberecht für die Dauer der Ausbildung und zwei Jahre Beschäftigung garantiert. Bruxmeier und Bode gehen davon aus, dass einigen Teilnehmern der Maßnahme in ein paar Jahren die Abschiebung droht. Doch das sei nicht schlimm. "Dann haben wir einen Mehrwert für die Heimatländer geschaffen."

Viel lieber wäre es Frank Bruxmeier jedoch, wenn sich die Gesetzeslage änderte. "Ich hoffe, dass Jamaika das etwas entspannter sieht", sagt er mit Blick auf die neue Regierungskoalition in Berlin. Er ist zuversichtlich: Aus den jungen Flüchtlinge, denen die Handwerkerschaft heute berufliche Perspektiven eröffnet, können morgen sogar Fach- und Führungskräfte werden. "Was wir machen, ist Wirtschaftsförderung. Wir investieren in das Personal von morgen."

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Moers: Das Handwerk baut auf Flüchtlinge


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.