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Rheurdt
Das Vereinsheim, ein aussterbender Treffpunkt

Rheurdt: Das Vereinsheim, ein aussterbender Treffpunkt
Susanne Engelsiepen ist seit rund zehn Jahren Wirtin im Schaephuysener Vereinsheim. FOTO: Norbert Prümen
Rheurdt. Susanne Engelsiepen ist Wirtin im Schaephuysener Vereinsheim. Es ist ein Ort der Historie und der ungewissen Zukunft. Von Marc Latsch

Der Raum atmet Geschichte. Er ist das Symbol einer guten alten Zeit. Betritt man ihn, spielen sich vor dem geistigen Auge Jubelszenen ab. Männer stoßen mit Bierflaschen an, in der anderen Hand die Zigarette. Heute steht da jedoch nur eine Frau hinter der Theke und kocht Kaffee, ein Stammgast wartet schon.

Susanne Engelsiepen ist seit rund zehn Jahren Wirtin im Schaephuysener Vereinsheim. Die Adresse lautet standesgemäß Am Sportplatz 1, neben dem Gebäude lockt die rote Asche. "Früher war ich froh, wenn ich um Mitternacht nach Hause kam, jetzt ist nicht mehr so viel los. Es sind ja auch viele Studenten und Familienväter in der Mannschaft. Die haben dann andere Prioritäten", berichtet sie.

Die Mannschaft heißt seit 2014 SpVgg Rheurdt-Schaephuysen und trainiert nur noch einmal in der Woche, jeden Dienstag, an Engelsiepens Stammplatz. Wie vielerorts war auch hier die Fusion letztendlich alternativlos. Vorbei sind die Zeiten, in denen jedes Dorf mühelos einen eigenen Fußballverein stellen konnte. Zu vielfältig sind die Alternativen der modernen Zeit. Damit es überhaupt noch weiter geht, braucht es Ehrenamtliche wie Engelsiepen und Wilfried Wischers.

Der Stammgast trinkt mittlerweile an seinem Kaffee und gibt eine düstere Prognose ab. "Wenn Sie in zehn Jahren wiederkommen, dann gibt es das hier nicht mehr", sagt Wischers. "Alles lässt nach: Das Eigenengagement der Mannschaften, bei den Jugenden kommen kaum noch Eltern und die Spielerfrauen lassen sich auch nicht mehr blicken. Die überzeugen ihre Männer eher davon, aufzuhören."

Der Platzwart, den in Schaephuysen alle nur als "Fummi" kennen, kritisiert die mangelnde Einstellung der heutigen Fußballer. "Wenn parallel die Bundesliga spielt, fehlen gerne mal drei Leute, weil sie Dauerkarten haben. Oder die gehen zum Geburtstag der Oma und lassen die Mannschaft im Stich."

Die Wände des Vereinsheims zeugen von den Jahren, in denen es noch anders war. Alles hängt voll mit Mannschaftsfotos, teils in Farbe, teils schwarz-weiß. Das neueste ist auch schon drei Jahre alt. Im ganzen Raum verteilen sich Vitrinen mit gewonnenen Pokalen. Auf einer kleinen Tafel erscheint die aktuelle Tabelle der Kreisliga A.

Jeden Dienstag trägt hier Susanne Engelsiepen die aktuellen Zahlen ein. Die SpVgg Rheurdt-Schaephuysen steht im oberen Tabellendrittel, ohne Aufstiegshoffnung, ohne Abstiegsgefahr. Engelsiepens Einsatzzeiten haben sich seit der Fusion verringert. Sie öffnet das Vereinsheim zum Training am Dienstag und zu den Heimspielen der Herrenmannschaften.

Doch auch die spielen nun die halbe Saison in Rheurdt und viel los ist dann auch nicht wirklich. Meist kommen so 20 bis 30 Zuschauer, bei Derbys natürlich auch mal deutlich mehr. "Bei den Dritten Herren ist dann teilweise niemand da. Da bin ich mit der Mannschaft alleine", sagt Engelsiepen.

Ein Problem ist auch der Aschenplatz. Ein Paradies für Fußballromantiker, ein Albtraum für die meisten Spieler. "Der Kunstrasen fehlt uns und somit auch der Nachwuchs", beklagt Wischers. Noch gibt es eine A-Jugend, eine B- und C-Jugend existiert im Verein derzeit nicht. "Auf Jahre hinaus wird niemand mehr aus der Jugend in die Herrenmannschaften kommen", rechnet Wischers vor.

Das sei ein gewaltiges Problem. Eine Abteilung hat der Verein bereits verloren. Die Fußballerinnen waren äußerst erfolgreich, spielten Regionalliga. "Ohne Kunstrasen ist hier eh bald alles vorbei", sagt er. In Rheurdt sei zwar eine zentrale Anlage geplant, das könne aber noch Jahre dauern.

Es ist das immergleiche Bild, dass sich im Vereinsheim bietet. Nach dem Training trinken ein paar Ehrenamtliche bei Engelsiepen ihr Bier, nach und nach kommen dann Spieler dazu. "Immer die fünf bis sechs gleichen", wie sie sagt. Oft gäbe es dann nur Cola, bedauert Wischers. "Es trinkt ja heute keiner mehr, alle kommen mit dem Auto." Nicht nur die Gäste bleiben identisch, auch die Helfer. "Es waren schon vor zehn Jahren dieselben Leute", sagt die Wirtin und fügt fast schon fatalistisch hinzu: "Wir machen es bis zum Ende."

Susanne Engelsiepen hat Spaß an ihrem Ehrenamt. Sie fährt auch zu Auswärtsspielen, tauscht den neuesten Klatsch aus dem Ort aus. "Man kennt die Leute teilweise noch aus der Schulzeit, da ist Verbundenheit", sagt sie. "Als Fremder würde das hier nicht funktionieren." Ohne Menschen wie Engelsipen und Wischers gäb es das kleine Stück Schaephuysener Geschichte schon heute nicht mehr.

Quelle: RP
 
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