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Moers
Der Chronist im Fall Michael Kohlhaas

Moers. Das Schlosstheater beschäftigt sich zum Ende der Spielzeit mit Texten von Heinrich von Kleist. In der von Intendant Ulrich Greb eingerichteten szenischen Kohlhaas-Lesung beeindruckt Patrick Dollas seine Zuhörer im Studio. Von Anja Katzke

Patrick Dollas trägt dezent Anzug und Krawatte. Der Tisch vor ihm ist prall gefüllt mit Akten, Bildern und Papieren. Der Raum wirkt fad wie eine alte Amtsstube. Mit einem roten Stift folgt Dollas auf einer Karte dem Weg des Pferdehändlers Michael Kohlhaas. Er zieht eine Linie von Kohlhasenbrück über Tronkenburg und Leipzig bis nach Dresden und im großen Bogen wieder zurück. Es ist der Weg eines Mannes, der Gerechtigkeit fordert - "und geht die Welt daran zugrunde".

Ulrich Greb, Intendant des Moerser Schlosstheaters, hat sich sozusagen als Vorspiel für die große Amphitryon-Premiere in der kommenden Woche Kleists "Michael Kohlhaas" vorgenommen und als szenische Lesung mit einem Schauspieler inszeniert. Patrick Dollas nutzt das ihm gebotene Solo für ein eindrucksvolles Spiel. Er ist Erzähler, Chronist und Ermittler im Fall Michael Kohlhaas, Anwalt eines Wutbürgers, der zum Brandstifter wird, und vielleicht auch Richter, der am Ende die Akten schließen wird.

Es gelingt dem Schauspieler, sein Publikum trotz der aktionsarmen Inszenierung zu fesseln. Er sorgt für Spannung, in dem er immer wieder die Rolle des außenstehenden Chronisten/Erzählers verlässt und sich in die Figuren hineinbegibt - bis die perfekt sitzende Anzugjacke als objektive Distanz symbolisch abgestreift und der Knoten der Krawatte gelöst wird. Diese Lesung ist ein Fest für die Freunde der Kleist'schen Sprachgewalt im Kohlhaas, sie erfordert bedingungslose Aufmerksamkeit, ist unerbittlich und obsessiv. Patrick Dollas schildert erst nüchtern und sachlich, um dann in dramatischen Momenten das Sprechtempo zu erhöhen und wieder zu verlangsamen. Dass er zuweilen ins Sächseln verfällt, ist mehr ein Augenzwinkern fürs Publikum, eigentlich aber nicht nötig.

Die Geschichte des Michael Kohlhaas, eines unbescholtenen Händlers, der die Obrigkeit auf legalem Weg um Gerechtigkeit für seine geschundenen Rappen und getötete Ehefrau Lisbeth bittet, schließlich sein Recht in die Hand nimmt, zum Brandstifter und Anführer eines großen Gefolges wird, hat aktuelle Bezüge. Ulrich Greb beschreibt Kohlhaas als ersten Wutbürger, dessen Rechtsfall außer Kontrolle gerät. Seine Inszenierung nähert sich der politischen Satire, ist zuweilen auch wie ein Comic mit humorvollen Momenten. In der szenischen Lesung wird Kleists Personal als Schattenriss dargestellt, den Dollas während des Spiels unter eine Kamera legt. Die Bilder werden an die Wand geworfen, so dass die Zuschauer dem folgen können, was auf dem Schreibtisch passiert. Dollas holt immer neue Zeichnungen hervor. Sie zeigen die beklagten Pferde in gut genährtem und im geschundenen Zustand, sozusagen als Beweislast. Die Wunden der Ehefrau, die als Bittstellerin für ihren Mann sprechen will und getötet wird, umkreist er mit dem roten Stift auf dem Bild. Auch der Angriff auf die Burg, die großen Brandstiftungen in Leipzig und Dresden spielen sich nur auf Papier ab. Auf den Stadtansichten legt Dollas Folien, auf denen orangerotes Feuer aufgemalt ist.

Als eine schöne Zusammenarbeit erweist sich auch die Kooperation mit Hayden Chisholm, dem aktuellen Stadtmusiker. Er hat mit Philip Zoubek die zum Stück passende Musik geschaffen. Sie unterstreicht die dramatischen Momente, spielt sich aber nie in den Mittelpunkt.

Die nächsten Termine sind am 24. April, am 3. Mai, sowie am 7. und 16. Juni im Studio.

Quelle: RP
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