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Moers
Der spitze Humor des Erich Mühsam

Moers: Der spitze Humor des Erich Mühsam
Der Bergisch-Gladbacher Pianist Ulrich Raue (l.) und der Kölner Rezitator Burkhard Sondermeier ziehen die Zuhörer mit den Mühsam-Werken in ihren Bann. FOTO: Klaus Dieker
Moers. Das Werk des 1934 im KZ Oranienburg ermordeten jüdischen Dichters steht beim literarisch-musikalischen Abend der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit" im Mittelpunkt. Das Publikum ist begeistert. Von Jutta Langhoff

Erich Mühsam, 1878 als Kind eines jüdischen Apothekers in Berlin geboren, gestorben 1934 im brandenburgischen KZ Oranienburg. Für seine Freunde war er ein satirischer Dichter, witzig, unangepasst und voll hintergründiger Ironie. Seine Feinde hielten ihn dagegen für anarchisch und politisch gefährlich. Heute kennen ihn nur wenige, von denen die meisten seinen Namen eher mit Anarchismus als mit Dichtkunst verbinden.

Auch Martin Behnisch-Wittig, der Vorsitzende der veranstaltenden Moerser "Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit" musste am Sonntag bei einem dem "ironischen Rebellen" gewidmeten literarisch-musikalischen Abend im Hülsdonker Gemeindezentrum bekennen, dass ihm Erich Mühsam bisher ebenfalls weitgehend unbekannt gewesen war. Das sei nun anders, erklärte er den rund 30 anwesenden Besuchern zur Begrüßung. "Inzwischen weiß ich, dass ihm zu Unrecht der Makel eines anarchistischen Außenseiters anhängt. Erich Mühsam war eher ein ironischer Bohemien und unerbittlicher Rebell, der wie kein anderer einen großen Humor in schwierigen Zeiten hatte. In diesem Sinne verspreche ich Ihnen heute einen schönen, spannenden, herausfordernden und schrägen Abend."

Und so war es dann auch. Dafür sorgten in den nächsten gut anderthalb Stunden der Kölner Rezitator und Liedermacher Burkhard Sondermeier und der in Bergisch-Gladbach heimische Pianist Ulrich Raue mit einer Kombination aus Textvorträgen, Chansons und passenden klassischen Musikbeiträgen. Doch erst mal erfuhren die Besucher etwas über die Person Erich Mühsam, seine bereits in jungen Jahren vorhandene Neigung zur Dichtkunst, aber auch zum Rebellentum. So hatte der Wortkünstler Joachim Ringelnatz Mühsam einmal erlebt, wie er "mit wildem Bart und stechenden Augen" auf dem Tisch eines Münchener Lokals stehend sein ironisches Gedicht "Es war einmal ein Revoluzzer" zum Besten gab.

1919 hatte sich Mühsam dann an der Gründung der damals revolutionären bayrischen Räterepublik beteiligt und war dafür zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden, was ihn aber nicht daran hinderte, sich anschließend erneut wieder vehement für eine soziale und basisdemokratische Politik in Deutschland einzusetzen. An diesem Abend stand jedoch weniger sein politisches als sein poetisches Wirken im Vordergrund. Dazu hatte Burkhard Sondermeier für sein Programm neben einigen kleinen Versen und Liedern wie "Der Anarchisterich", "Das Mädchen mit den krummen Beinen" und "Der Jugendgreis", einem bissig-ironischen Gedicht über den 70-jährigen, abgedankten Kaiser Wilhelm, vor allem Mühsams witziges Buch über die "Psychologie der Erbtanten" ausgesucht. Die darin mit ironischer Boshaftigkeit geschilderten Versuche der Neffen und Nichten, an das Geld ihrer angeblich so geliebten Tanten zu kommen, entlockten den Besuchern so manch ein leises Lächeln und ließen sie den beiden Künstlern dann am Ende einen langen, begeisterten Applaus spenden.

Quelle: RP
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