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Moers
Die erste Weihnacht nach dem Schrecken

Moers: Die erste Weihnacht nach dem Schrecken
Moers. Vor 70 Jahren erlebten die Menschen in der Grafschaft die ersten Weihnachten in Friedenszeiten seit vielen Jahren. Der Krieg war gerade vorbei, die Trümmer noch nicht weggeräumt, die Trauer noch immer allgegenwärtig. Wir haben uns auf Spurensuche gemacht und mit Zeitzeugen gesprochen. Von Hedi Meinecke

Es war wirklich kein Fest im Überfluss. Wie aber erlebten die Menschen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vor 70 Jahren das Fest der Liebe und die Vorweihnachtszeit? Wir haben nachgefragt und viele Erinnerungen geweckt.

Für alle Zeitzeugen war es vorrangig ein Fest des Friedens, der Hoffnung. Delikatessen standen zwar nicht auf der Speisekarte, auch wurde kein Champagner gereicht - doch "wir versuchten, das Beste aus der Situation zu machen", erzählt Erika van Hall, in Hamburg geborene Wahl-Moerserin. Und sie erinnert sich noch gut, wie ihre Mutter die Familie mit vier Kindern, der Vater fiel im Krieg, mit Tauschgeschäften über Wasser halten musste. "Wir opferten unsere Wertsachen und bekamen dafür dann bei den Bauern draußen auf dem Land Nahrungsmittel, die wir dringend zum Leben benötigten: Butter, Milch, Mehl und Eier."

FOTO: Dieker, Klaus (kdi)

Die Lebensmittelkarten, nur die berechtigten zum Einkauf, seien nicht sehr üppig gewesen, "das spärliche Angebot reichte kaum zum Leben." Und zum Heizen der Wohnung und des Ofens sammelten sie eifrig die Kohlen und Briketts, die die Güterzüge abwarfen. "Dafür gab es dann auch am Heiligabend selbst gebackene, knusprige Vanille-Kipferl, Spritzgebäck und auch schon mal eine Biskuitrolle." Und allein schon der Duft des frisch gebackenen Gebäcks habe eine vorweihnachtliche Freude ausgelöst.

Auch Maria und Annetraud Puyn denken noch gerne zurück an diese Zeit und an das Geschäft ihrer Eltern in der Burgstraße 4. Obst, Gemüse und Delikatessen gehörten zum Angebot. "Wir sind hinter der Theke groß geworden", sagen sie. Und Maria weiß noch, "an jedem Adventssonntag war das Geschäft geöffnet." Und Annetraud erinnert sich, "schon sehr bald wurden auch bereits Apfelsinen angeliefert - in zwei geteilten Kisten."

Auf die Kisten legte sie ihr besonderes Augenmerk. "Die eigneten sich nämlich wunderbar für die Einrichtung einer Puppenstube: eine Seite für das Wohn- die zweite für das Schlafzimmer." Auch die übergroßen Spekulatius-Nikoläuse bei Bäcker Tirgrath gleich nebenan sind ihr noch im Gedächtnis. "Wenn die aus dem Fenster schauten, wusste ich: Es ist Advent." Immer schön "wenn Erinnerungen lebendig bleiben."

Für den Juwelier und Uhrmachermeister Rolf Küppers ist die dramatische Heimkehr aus dem Zweiten Weltkrieg noch sehr lebendig. In der Ukraine eingesetzt, schaffte er es gegen Ende des Krieges auf Umwegen bis an die Elbe, wurde dort von einem Moerser Freund aufgegriffen und mit einem von Holzkohle angetriebenen Lastwagen über viele Hindernisse bis an den Rhein und nach Moers transportiert. "Als glückliche Heimkehrer wurden wir hier dann von zu Tränen gerührten Menschen empfangen", berichtet bewegt der heute 90-Jährige.

FOTO: Anne Birkenmeier

Seine Mutter Johanna Küppers führte damals das Uhren- und Schmuckgeschäft in der Steinstraße 18, das er dann später nach bestandener Meisterprüfung übernahm. Bis dahin aber bekam er als Angestellter seiner Mutter monatlich 90 Mark Gehalt. Das Weihnachtsgeschäft beschränkte sich auf die nützlichen Dinge: Uhren und Wecker. In den 60er Jahren wurde ihm dann die Leitung übertragen.

Und die Löwen-Apotheke am Altmarkt 5 - übrigens eines der ältesten Häuser der Stadt und seit 1894 im Besitz der Familie Heuer - war stets auch in turbulenten Zeiten dienstbereit und für das Wohl und die Gesundheit der Menschen im Einsatz.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie zunächst von Enno Smidt, einem Pharmazie-Fachmann, als Verwalter geführt, dann Jahrzehnte lang verantwortungsvoll von Dr. Anne Försterling geleitet, bis Helmut Heuer sie 1971 übernahm.

Quelle: RP
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