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Moers
Die friedlich-laute Zwangsgemeinschaft

Moers: Die friedlich-laute Zwangsgemeinschaft
Inzwischen haben die so unterschiedlichen Mietparteien entdeckt, dass sie in vielen praktischen Dingen voneinander profitieren können. FOTO: kdi
Moers. Seit Tagen bereiten die Hausbewohner des Wohnblocks an der Römerstraße ihr Sommerfest vor. Trotz vielfältiger Konflikte im alltäglichen Zusammenleben raufen sich Deutsche und Flüchtlinge allmählich zusammen. Von Jürgen Stock

Vergangene Woche hat Nabil Sliwa zum ersten Mal die Rote Karte gezeigt. Nun ist Sliwa kein Schiedsrichter, und betroffen ist auch kein Fußballer, sondern eine Flüchtlingsfamilie aus Afghanistan, und die Rote Karte ist auch gar nicht rot, sondern ein Schreiben der Stadt Moers, in der den Afghanen mitgeteilt wird, dass sie wegen wiederholter Verstöße gegen die Hausordnung, den Apartmentblock an der Römerstraße zu räumen und in eine kleinere Wohnung in ein Flüchtlingsheim zu ziehen hätten. "Gelbe Karte, rote Karte - das versteht man überall auf der Welt", sagt Sliwa, der seit Mai als Vollzeitkraft für die Stadt Moers in dem Hochhaus an der Römerstraße nach dem Rechten sieht. Und Rot bedeutet eben: Raus!

Im Moerser Osten hat vor mehr als einem Jahr ein soziales Experiment begonnen, mit dem selbst Andé Bröcking, Fachbereichsleiter Soziales im Moerser Rathaus und seit 1990 in Diensten der Stadt stehend, Neuland betreten hat. Quasi über Nacht zogen in 26 der 40 Wohnungen des teilweise leerstehenden Hauses Flüchtlingsfamilien in die Drei-Zimmer-Wohnungen ein. Die Neuankömmlinge stammen aus zehn verschiedenen Nationen, die Mehrzahl aus Syrien und Afghanistan.

Ein Experiment zwar, aber ein kontrolliertes: Vor der Ankunft wurden alle Wohnungen renoviert, Mitbewohner und Anlieger wurden von Bröcking und Bürgermeister Christoph Fleischhauer über die Pläne der Stadt informiert. Vor allem aber bezog Sliwa ein Büro im Parterre - gleich neben einem Schulungsraum, der für Gemeinschaftsveranstaltungen und Sprachunterricht zur Verfügung steht. Von Anfang an sollte er dort den zum Teil schon seit über 30 Jahren dort lebenden Moersern wie den Flüchtlingen als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Erst in Teilzeit, seit Mai als Vollzeitkraft.

Er muss gar nicht über Konflikte im Haus erzählen, man kann sie sich ohne Fantasie vorstellen, wenn man nur zehn Minuten im Gebäude verbracht hat. Draußen im Gras liegen zahlreiche Kinderfahrräder, Drinnen im Haus schreien Kleinkinder, werden Türen geknallt. Lärm ist nach wie vor der Konfliktstoff Nummer eins in dem Bau, in dem 53 Kinder herumtoben.

"Besonders der Ramadan war schlimm", sagt Sliwa. Erst spät am Abend wird dann bei muslimischen Familien gegessen. Entsprechend aufgekratzt sind die Kinder. "Selbst um Mitternacht sind die noch über die Flure gerannt, teilweise von Wohnung zu Wohnung", berichtet eine der Stammmieterinnen. Nach dem Ramadan Ende Juni hatten die Hausbewohner nur eine kurze Ruhephase. Mit Beginn der Ferien Mitte Juli ließen die 53 Minderjährigen wieder nachhaltig von sich hören. Ein beliebtes Spiel ist auch das serienweise Drücken der Aufzugknöpfe, das vor allem die Bewohner der oberen Stockwerke in den Wahnsinn treibt. Schuld an dem kindlichen Fehlverhalten sei zum Teil die mangelnde Beaufsichtigung durch die Eltern, sagt Bröcking:. "Viele Familien kommen aus Dörfern, wo man die Kinder den ganzen Tag sich selbst überlassen konnte. Das geht hier natürlich nicht mehr." Ein anderes Problem scheint - auch dank der Bemühungen von Sliwa und anderen Helfern - inzwischen weitgehend im Griff zu sein. Die Mülltrennung funktioniere inzwischen, sagt Bröcking. "Anfangs bekamen wir fast jede Woche Anrufe vom Abfuhrunternehmen wegen Fehlbefüllungen. Das kommt inzwischen nicht mehr vor."

Einmal im Monat treffen sich die Hausbewohner. Sliwa sorgt dafür, dass so viele Familien wie möglich vertreten sind. Dort reden dann auch die deutschen Familien Klartext. "Was mich dabei fasziniert", sagt Bröcking, "ist, dass das alles in einer sehr offenen und positiven Atmosphäre geschieht. Trotz aller Kritik wird es niemals unangenehm laut." Inzwischen haben die so unterschiedlichen Mietparteien entdeckt, dass sie in vielen praktischen Dingen voneinander profitieren können. Flüchtlinge holen sich Rat bei bürokratischen Fragen, gehbehinderte deutsche Rentner lassen sich bei Besorgungen helfen. Das ist weit von einem harmonischen Multi-Kulti entfernt, aber wohl mehr, als man aufgrund der so unterschiedlichen Bewohner erwarten konnte. Auf das erste gemeinsame Sommerfest am 18. August freuen sich alle, zumal vor allem die Kinder inzwischen prima Deutsch sprechen und die Verständigung viel leichter ist als am Anfang. Auf dem Speiseplan stehen afghanische, arabische, syrische und tschetschenische Gerichte. Mit am Tisch wird dann voraussichtlich auch ein "Gelb-Sünder" sitzen. Bei ihm, so Sliwa, habe die Angst vor der nächsten Karte wahre Wunder gewirkt.

Quelle: RP
 
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