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Moers
Ein Abend mit Zwangsjacke im Peschkenhaus

Moers. Auf dem Markt in Hamburg verkauft ein Mann im Sommer 1864 Zwangsjacken. Es ist der Anstaltsleiter, und am Ende des Tages ist keine mehr übrig. Diese Geschichte hat Andreas Kollender zufällig in alten Hamburg-Chroniken gefunden, und der Autor war sofort fasziniert von ihr. Kollender beschäftigte sich mit dem Anstaltsleiter, dem Psychiater Ludwig Meyer, der die Fixierung von Patienten in seiner Obhut abgeschafft hat und damit seiner Zeit voraus war.

Mit der Figur Ludwig Meyer fühlen die Zuhörer bei der Autorenlesung aus "Von allen guten Geistern" am vergangenen Freitag im Peschkenhaus mit, als der junge Meyer seine Mutter in einer Anstalt besucht, in der schlimme Zustände herrschen, als Meyer auf die Schauspielerin Fanny Nielsen trifft, als Meyer auf dem Markt Zwangsjacken verkauft. Es ist keine Biografie, die nicht so unwichtige Figur Fanny ist fiktiv. Kollender sieht seine Aufgabe als Schriftsteller vielmehr darin, Leben zu schaffen, und die Reaktion des Publikums und die vielen Fragen im an die Lesung anschließenden Gespräch geben ihm Recht. Kollender hat sich für eine nicht chronologische Erzählweise entschieden, mit lebhaften Schilderungen. Eine Urenkelin Meyers habe ihm geschrieben, er habe den Psychiater gut getroffen, erzählt Kollender. Niemand verlässt den Raum enttäuscht oder gelangweilt.

Kathrin Olzog, die Inhaberin der Barbara-Buchhandlung und Organisatorin der Lesung, hat neben dem Tisch mit Kollenders Büchern eine ausgestopfte Zwangsjacke aufgebaut. Sie erzählt, dass sie sich eigentlich eine vom Schlosstheater ausleihen wollte, im Kostümfundus aber keine gewesen sei. Diese Antwort habe sie von Kollenders Schwester bekommen, die dort arbeite und in Duisburg wohne. Nur weil Kollender die Lesung mit einem Besuch bei seiner Schwester verbinde, sei die Veranstaltung für ihre kleine Buchhandlung überhaupt finanziell machbar gewesen.

Am Ende der Lesung wird Kollender nach der Botschaft des Romans gefragt. "Um Gottes Willen", antwortet er, das erinnere ja an die Schulzeit, trotzdem sagt er schließlich, ganz abstrakt gehe es um "Freiheit und Lebenslüge".

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