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Moers
Ein Besuch am Ort der Ruhe

Moers. Ungestört lernen, Zeitung lesen oder die Welt der Bücher entdecken - unsere Autorin besuchte die Bücherei. Von Jana Marquardt

Der Verkehrslärm und das Stimmengewirr verstummen jäh, als ich durch die Türen der Moerser Bibliothek an der Wilhelm-Schroe-der-Straße trete. Die Ruhe ist wohltuend für meine Ohren. Der vertraute Geruch nach Büchern und Staub steigt mir in die Nase. Kein Wunder - 120.000 Bücher, Hörbücher, CDs und Filme, Bilder, Videospiele und Zeitungen auf 2247 Quadratmetern warten auf mich. Drei Etagen voller Geschichten. Das ist meine natürliche Umgebung, hier fühle ich mich wohl.

Im Erdgeschoss ist ein leises Rascheln zu vernehmen: Zehn Männer und Frauen sitzen an kleinen Holztischen und studieren die aktuellen Ausgaben der bekanntesten Tageszeitungen. Dort treffe ich auf einen netten älteren Herren, Konstantin Paschalidis aus Moers. "Ich komme drei Mal die Woche her und lese alle Zeitungen, die wir nicht abonniert haben.

Das ist meine Art von Entspannung", erzählt er. "Hier ist es ruhig und ich kann auch mal meinen Gedanken nachhängen." Als er in Rente ging, fiel es ihm zunächst schwer, ohne einen festen Tagesrhythmus auszukommen. Schnell fand er neue Beschäftigungen und Rituale, dazu zählt auch der Bibliotheksbesuch. "Meine Frau ist Tagesmutter von drei Kindern, sie sind wie meine Enkel. Alle zwei Wochen leihe ich hier Spiele und Bücher für sie aus", sagt Paschalidis. "Dieser Ort gehört inzwischen zu meinem Leben dazu."

So ist es wohl auch für Maximilian Marek (14), der mir in der ersten Etage bei der Jugendliteratur auffällt. Er ist offenbar vollkommen in ein Buch vertieft und nimmt seine Umwelt gar nicht wahr. Als ich ihn anspreche, braucht er einen Moment, um zu realisieren, dass er sich nicht auf hoher See, sondern immer noch in der Moerser Bibliothek befindet. Er legt das Buch "Der Schiffsjunge" beiseite. "Beim Lesen vergesse ich immer die Zeit", erklärt er. "Einmal habe ich vier Stunden hier verbracht, weil ich mich einfach nicht von dem Buch lösen konnte." In seiner Freizeit liest der Gesamtschüler alle Bücher, deren Klappentexte ihn ansprechen. "Ich nutze vor allem die Bibliothek, weil ich nicht das Geld habe, mir alle guten Bücher zu kaufen. Es sind zu viele. Außerdem mag ich die entspannte Stimmung hier", erzählt Maximilian und schaut auf seine Armbanduhr. "Oh, ich verpasse meinen Bus noch!", ruft er und wirft sich seinen Rucksack über die Schulter, klemmt sich "Der Schiffsjunge" unter den Arm und winkt mir zu. "Sorry, hatte schon wieder die Zeit vergessen", höre ich noch, dann läuft er schnell an einer Mutter mit einem Kinderwagen vorbei zur Treppe.

Neben dem Kinderwagen spaziert ein kleines Mädchen mit blonden Haaren, das Maximilian erstaunt nachblickt. Als es sich wieder zu den niedrigen Kästen mit den Bilderbüchern vor ihr umdreht, leuchten seine Augen. "Sie interessiert sich im Moment besonders für Tierbücher", sagt ihre Mutter, Hannah Laass, zu mir, und schiebt den Kinderwagen Richtung Elternbibliothek, die direkt neben den Kinderbüchern zu finden ist.

Seit ihrer Kindheit kommt Laass in die Bibliothek, mit ihren Kindern führt sie die Tradition weiter: "Es ist schön entspannt und ruhig hier, das Personal ist super freundlich. Ein toller Ort." Da kann ich ihr nur zustimmen. Ich schlendere weiter, in die zweite Etage: Die Erwachsenenbibliothek. Ich stöbere zwischen Psychothrillern und Krimis, da bemerke ich zwei Mädchen an einem Tisch. Konzentriert sind sie über ihre Schnellhefter gebeugt, ab und zu kritzeln sie Notizen auf die Seiten. Wann habe ich zuletzt so konzentriert für die Universität gelernt? Das nächste Mal, nehme ich mir vor, werde ich auch in der Bibliothek lernen. Ohne Ablenkung, bei vollkommener Stille. Bis mir das nächste Buchcover ins Auge springt.

Quelle: RP
 
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