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Moers
Ein Geigenbauer im alten Pumpenhaus

Moers: Ein Geigenbauer im alten Pumpenhaus
Stephan Gies in der früheren Pumpenhalle. Bis vor einigen Jahren hat er dort Konzerte veranstaltet. Seine Werkstatt liegt hinter der Holztür, die über die Empore erreichbar ist. FOTO: KLaus Dieker
Moers. Stephan Gies lebt und arbeitet in Repelen. Sein Haus beherbergte früher Pumpen, mit denen die Lineg den Wasserfluss im Moersbach regulierte. Von Josef Pogorzalek

Stephan Gies liebt die Ruhe. "Ich mag die stille Zeit mit mir selbst und der Arbeit", sagt der Geigenbaumeister. Meist sei er dabei allein. Und meist bleiben die beiden großen Lautsprecherboxen stumm, die hoch oben auf einem Regalbrett in seiner Werkstatt stehen. "Wenn ich etwas laufen lasse, dann Hörbücher oder ruhige, unaufgeregte Musik. Etwas anderes würde hier nicht reinpassen." Am Feierabend setze er sich gerne an den Flügel, der am Rande seiner Werkstatt steht - ein Steinway von 1923 - und improvisiere. Klavierspielen hat Gies als Kind gelernt. "Ich hab' aber keine Lust zu üben."

Einen ruhigen handwerklichen Beruf habe er sich schon als Schüler gewünscht, sagt Gies. Restaurator vielleicht. Nach der Schulzeit in Homberg und Moers, trat er eine Schreinerlehre an. Dann las er einen Zeitungsbericht über einen Geigenbauer in Witten. Gies nahm Kontakt zu dem Mann auf, fing Feuer, wechselte ins Geigenbau-Fach. Ein Meister in Düsseldorf nahm ihn in die Lehre, daneben absolvierte Gies die Berufsschule im Geigenbau-Zentrum Mittenwald. 1992 erhielt er die Meisterurkunde.

Gies liebt die Handarbeit, die seinen Beruf ausmachen. "Ich arbeite ausschließlich mit natürlichen Werkstoffen: Holz, Naturharz-Lacken, Knochenleim, ätherischen Ölen." Letztere lassen die Werkstatt leicht nach Sauna-Aufguss duften. Diese Werkstatt liegt in Repelen, in einem ehemaligen Pumpenhaus der Lineg, das im vergangenen Jahrhundert zur Regulierung des Moersbachs diente. Es sei 1927 als erstes Pumpenhaus am Niederrhein entstanden, sagt Gies. Groß und massiv wurde es damals geplant. Die Kellerplatte sei fünf Meter stark, die Wände unten einen Meter, oben noch 60 Zentimeter dick.

2003 hat Gies, der vorher an der Haagstraße in Moers ansässig war, das Pumpenhaus gekauft und umgebaut. Dort, wo seine Werkstatt sein sollte, ließ er Fenster einsetzen, in der eigentlichen Pumpenhalle eine Empore, seitliche Rundgänge und Treppen einziehen. Um den Charakter des Gebäudes zu unterstreichen, montierte Gies Überbleibsel der Pumpentechnik an die Wände. Außerdem legte er Teile des ursprünglichen Anstrichs frei. "Ich wollte zeigen, wie schön das Gebäude früher war." Dass er im Pumpenhaus gleichzeitig eine Wohnung für sich und seine Familie einrichten konnte, war ein Glücksfall.

Zur Aussicht, unter einem Dach zu arbeiten und zu wohnen, kam der Reiz, Konzerte zu veranstalten - genau nach einem solchen Gebäude hatte Gies Ausschau gehalten. Das Pumpenhaus konnte er bis 2008 tatsächlich für öffentliche Musikveranstaltungen nutzen. Dann grätschte die Bauaufsicht mit neuen Auflagen dazwischen. "Die könnte ich durch Konzerte nicht finanzieren", erklärt Gies, warum seither in der Halle Ruhe herrscht.

Kunden, die Gies in seiner Werkstatt aufsuchen, passieren diesen eindrucksvollen Raum, an dessen Empore jetzt ein Basketballkorb hängt. Sie kommen aus einem Umkreis von 50 Kilometern. "Ein Geigenbauer ist in erster Linie Heger und Pfleger der Instrumente, die die Allgemeinheit spielt", sagt Gies. Risse reparieren, Griffbretter richten, neue Stege legen, verschlissene Bögen erneuern, Zubehör verkaufen: Das ist das tägliche Brot des 54-Jährigen. Gies kauft auch beschädigte Geigen auf, um sie nach der Reparatur wieder zu verkaufen oder zu vermieten. Ganz neue Geigen, Bratschen oder Violoncelli zu bauen, das geschehe meist sozusagen nebenbei - oft in der Urlaubszeit. "Der Bau einer Geige, ohne Lackanstrich, dauert zwei Monate. Und man muss viele gute Instrumente vorlegen, um sich einen Namen zu machen." Für einen stillen Alleinkämpfer wie Gies nicht ganz einfach. Immerhin: Seine Instrumente werden sowohl von begabten Privatleuten gespielt als auch von Musikern in Orchestern der Region, wie den Duisburger Philharmonikern.

Auch eine reparaturbedürftige Stradivari sei ihm schon mal anvertraut worden, erzählt Stephan Gies. Den inneren Kniefall vor den angeblich unvergleichlich klingenden Instrumenten der alten Meister kann er jedoch nur bedingt nachvollziehen. In Blindversuchen sei der Klang neuer Geigen teilweise sogar besser beurteilt worden. "Aber viele Musiker scheuen sich, das zuzugeben."

Quelle: RP
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