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Serie Die Ausbildungsinitiative Kreis Wesel
Ein Sprachtalent geht seinen Weg

Serie Die Ausbildungsinitiative Kreis Wesel: Ein Sprachtalent geht seinen Weg
Nana startet eine Ausbildung bei der Agentur für Arbeit. RP-Foto: Ekkehart Malz FOTO: Avdalova
Moers. Nana Avdalova aus Georgien ist ein Beispiel für gelungene Integration auf der Basis von Eigenengagement und vielen Zufällen. Von Fritz Schubert

Gut zweieinhalb Jahre ist Nana Avdalova in Deutschland. Für sie war es eine entscheidende Phase, ein Lebensabschnitt mit Haken, Ösen und einer glücklichen Fügung. So stehen für die heute 21 Jahre junge Frau alle Signale für die berufliche Zukunft auf Grün. Am Donnerstag begann ihre Ausbildung zur Fachkraft Arbeits- und Berufsförderung bei der Agentur für Arbeit. Und alles scheint auf einen maßgeschneiderten Arbeitsplatz hinauszulaufen, auf dem Nana Avdalova ihre Sprachkenntnisse und ihren Insiderblick auf das Leben und Streben von Flüchtlingen aus vielen Kulturen in die Waagschale werfen kann. Denn am Ende ihrer Ausbildung möchte sie gerne in einem Integration-Point ihre Arbeit als ausgelernte Fachkraft aufnehmen.

Nana Avdalova, heute anerkannter Flüchtling, stammt aus Georgien. Mit ihren Eltern und ihrem Bruder (22) - eine Schwester war noch unterwegs - kam sie am 24. Januar 2014 nach Deutschland. In der zentralen Aufnahme Schöppingen liefen Befragungen und die Antragsprüfung an. Eine geschlossene Einrichtung. Aber es war "nicht schlecht" sagt Avdalova. Sie half in der Küche mit und besuchte fünf Stunden täglich einen kleinen Deutschkurs. Im März 2014 kam die Familie nach Dinslaken ins Übergangswohnheim An der Fliehburg. Integrationskurse gab es damals noch nicht in der Anzahl wie heute. Dass sie Deutsch lernen musste, war ihr klar. Also wurde sie selbst aktiv, fand bei der VHS eine Möglichkeit, Kenntnisse zu erwerben.

Wer ihr zum ersten Mal begegnet, hört sofort, dass Sprachen ihr Ding sind. Deutsch kommt ihr beinahe akzentfrei über die Lippen. Daran ist die Band Tokio Hotel nicht ganz unschuldig. Als junges Mädchen war sie schwer verliebt in Tom Kaulitz, wollte ihn heiraten und nannte sich auch schon Nana Kaulitz. Auch Lieder von LaFee sang sie gern. TV-Spanisch hat sie sich beigebracht, weil in Georgien Telenovelas nicht synchronisiert, aber mit Untertiteln empfangen werden konnten.

Schulisch in Deutschland Fuß zu fassen war aber schier unmöglich für Nana Avdalova. Sie war bereits in dem Alter, in der sie keiner Berufsschulpflicht mehr unterlag. So wurde sie zunächst vom Kolleg abgelehnt. Es demoralisierte sie, dass sie nicht auf eine normale Schule gehen konnte. Klassen für Flüchtlinge gab es vor zwei Jahren noch nicht. Also ging sie weiter zur VHS.

Das Jobcenter riet ihr zum Besuch der Akademie Klausenhof in Hamminkeln-Dingden. Sie wollte zum Berufskolleg für Verwaltungsberufe und bekam im März 2015 eine kurze Chance am Berufskolleg Dinslaken, in der Klasse für geprüfte kaufmännische Assistentin für Fremdsprachen und Fachhochschulreife als Gasthörerin teilzunehmen. Sie fand Freunde und wurde auf die schulische Ausbildungsform der Fremdsprachenkorrespondentin aufmerksam. So eröffnete sich über drei Jahre das Ziel Staatlich geprüfte kaufmännische Assistentin Fremdsprachen mit Fachabitur und IHK-Prüfung. Dazu ist auch ein sechswöchiges Praktikum nötig, das sie zur Arbeitsagentur Wesel und zum Jobcenter Kreis Wesel führte. Sie nahm mehr durch Zufall an einer Veranstaltung im Berufsinformationszentrum (BIZ) Wesel teil. Hier informierte man junge Flüchtlinge über die Möglichkeit, durch eine Einstiegsqualifizierung (EQ) bei der Agentur für Arbeit in eine Ausbildung einmünden zu können. Von diesem Angebot war Nana Avdalova sehr angetan. Ihr wurde gesagt, sie brauche nur eine Bewerbungsmappe einzureichen. Und schon war der nächste Stein in den Weg gelegt.

Ihr war nicht bekannt, dass sie Hilfe im BIZ für den Ausdruck der Unterlagen erhalten konnte. Somit suchte sie nach Wegen, damit sie fristgerecht ihre Mappe einreichen konnte. Sie fand Formulierungshilfen bei Freunden und auch in einem kleinen Hiesfelder Buchhandel die Möglichkeit, ihre Bewerbung auszudrucken. Dass sie mit ihren Daten auch ins BIZ der Agentur oder ins Café Komm des Diakonievereins Dinslaken hätte gehen können, wusste sie damals noch nicht. Aber jetzt weiß sie es und transportiert ihre Erfahrungen gerne in ihr Umfeld. Seitdem sie ihre EQ bei der Agentur begonnen hat und auch eine Praktikumsphase im Integration-Point umsetzen durfte, weiß sie, dass gerade in dieser Anlaufstelle die Hilfen und Leistungen für Flüchtlinge aus einer Hand angeboten werden. Zur EQ für Flüchtlinge gehörte sechs Monate auch ein Sprachkurs. Im Frühjahr hat sie den Eignungstest durchlaufen und eine Ausbildungsstelle bei der Agentur angeboten bekommen.

Das Risiko, den am Kolleg eingeschlagenen Weg abbrechen zu müssen, ging Avdalova gerne ein. Da wäre sie zwar 2018 fertig, hätte aber noch eine kaufmännische Ausbildung draufsatteln müssen. So wird sie 2019 bereits eine Ausbildung in einem Job abgeschlossen haben, der ihr zu liegen scheint. Die EQ beziehungsweise Ausbildungsaufnahme war möglich, weil ihr Schulabschluss aus Georgien der Mittleren Reife in Deutschland anerkannt worden war. Die junge Frau spricht von großem Glück, gleich mit der ersten Bewerbung eine Lehrstelle bekommen zu haben.

Quelle: RP
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