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Moers
Eine bretonische Kindheit unter deutscher Besatzung

Moers. René Thomas, 85-jähriger Bretone aus Cancale, ist ein pensionierter Kapitän der französischen Handelsmarine. Sein Lebenslauf - vom Sohn einfacher bretonischer Landarbeiter bis zum Kapitän - ist allein schon deshalb faszinierend, weil er als 20-jähriger junger Mann (1952, ohne Hauptschulabschluss) alle Schulabschlüsse bis zum Abitur (neben seiner Arbeit im Hafen von St.Malo) erreicht und selbst finanziert hat. Das Grafschafter Gymnasium konnte, aufgrund seiner engen Kontakte zur Deutsch-Französischen-Gesellschaft Duisburg, René Thomas zu einem Gespräch mit Schülerinnen und Schülern des Französisch-Leistungskurses gewinnen. Und so ist jetzt in einem angeregten Austausch, zwischen Fragen, Antworten und Anekdoten, ein lebendiges Bild von einer Kindheit unter deutscher Besatzung in der Nordbretagne entstanden.

Ein Bild, das ohne Ressentiments die Perspektive eines Jugendlichen wiedergibt, der nicht nur den Einmarsch der deutschen Wehrmacht miterlebt, sondern auch die tagtägliche Begegnung mit den Besatzern, die René als Junge immer korrekt und interessant fand - bis schließlich ab 1943 die Küste völlig vermint wurde und der Zugang zum Meer allen Bewohnern verschlossen blieb.

Neben den Anekdoten, die ein jeder Kapitän erzählen kann, wusste er auch bleibende Eindrücke über Deutschland direkt nach dem Krieg zu vermitteln, die seine Hochachtung für deutsche Kultur und Ausdauer zum Ausdruck bringen. "Als ich nach dem Krieg auf meinen ersten Fahrten in zerstörte deutsche Häfen kam - zum Beispiel Hamburg - waren die Städte immer noch in Ruinen. Ich habe im Hafen gefragt, wo die Menschen denn wohnen. ,In den Kellern', hat man mir gesagt. Das hat mich tief beeindruckt. Ein Land wieder aufbauen und in Kellern wohnen, das schaffen nur wenige."

Besonders bewegend sind seine Jugenderlebnisse auf dem Bauernhof, auf dem der als Tagelöhner arbeiten musste. Seine Mutter holte ihn 1946 direkt aus dem Unterricht zur Arbeit, gegen alles gute Zureden des Lehrers, der seine Talente natürlich längst kannte. Die Familie konnte sich den Schulbesuch nicht mehr leisten. René kam mit 13 Jahren als Landarbeiter auf einen Bauernhof in der Nähe von Cancale. Dort schloss er Freundschaft mit Willy Ennenbach, einem deutschen Kriegsgefangenen, mit dem er über ein Jahr auf diesem Bauernhof zusammenarbeitete und den er erst vor wenigen Jahren wiedergefunden hat.

Eine Geschichte, die er gern erzählt, weil sie eindringlich verdeutlicht, wie das von Armut gezeichnete Leben in der Bretagne zur Zeit des Zweiten Weltkrieges dennoch Raum für tiefgehende menschliche Begegnungen bot.

Quelle: RP
 
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