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Serie Mein Engel
Eine Tüte Lebensmittel für kleines Geld

Moers. Christian Skrzypek ist froh, bei der Lintforter Tafel einkaufen zu können. Sein Budget ist klein. Etwa 40 Helfer unterstützen das Diakonische Werk dabei, dass die Lebensmittelausgabe im Schwarzen Diamanten reibungslos funktioniert.

Über dem Eingang zur Lebensmittelausgabe der Lintforter Tafel hängt ein Schild mit der Aufschrift: "Altes Brot ist hart. Kein Brot ist härter." Es ist früh am Morgen. Die ersten Kunden kommen ins Tafelcafé, frühstücken und suchen das Gespräch. In den hinteren Räumen der Lintforter Tafel, die ihren Sitz im Schwarzen Diamanten hat, herrscht geschäftiges Treiben. Die Fahrer haben schon die ersten Körbe mit Waren gebracht. In der Ausgabe werden Tomaten, Bananen Äpfel und diverses Obst in Tüten abgepackt.

Christian Skrzypek ist Tafel-Kunde. "Ich komme regelmäßig dienstags, mittwochs und freitags", betont der Kamp-Lintforter. "Hier bekommt man zwei Tüten voll mit Lebensmitteln für zwei Euro", betont der gebürtige Oberschlesier. "Yoghurt, Obst, Gemüse, Brot - vor ein paar Tagen habe ich eine Herztorte nach Hause mitgebracht. Die haben meine Frau und ich auf dem Balkon gegessen. Das war richtig schön." Christian Skrzypek ist froh, dass es die Lintforter Tafel gibt. Der Einkauf im Lebensmittelmarkt oder im Discounter ist ihm zu teuer. Das Budget zu klein. "Dort zahle ich allein für ein Schälchen Weintrauben zwei Euro."

Skrzypek kam vor 26 Jahren nach Deutschland. "Eigentlich wollte ich nur für acht Tage bleiben, um zu sehen, wie es hier aussieht. Meine Familie stammte aus Deutschland", erzählt er. Aus dem Ausflug wurden 26 Jahre. "Anfangs habe ich Autos gewaschen für 40 Deutsche Mark." Es folgten in Wesel eine Ausbildung zum Tischler und verschiedene berufliche Stationen bei Firmen in Kamp-Lintfort und Moers, bis er 2005 arbeitslos und das Geld knapp wurde. "Ab 1. Dezember bekomme ich Rente." Große Sprünge kann er nicht machen, wenn die Miete abgezogen ist. Ein Mitarbeiter der Diakonie riet ihm, das Angebot der Tafel in Anspruch zu nehmen, und Christian Skrzypek fand in den Helfern und ehrenamtlichen Mitarbeitern der Tafel wie Marion Cesi und Marina Granzin seine persönlichen Engel.

Ob es beim ersten Mal schwerfiel, bei der Tafel einkaufen zu gehen, überspielt der Kamp-Lintforter mit einem kleinen Spaß. Natürlich sei er gefragt worden, wo er denn eingekauft habe. "Ein Landsmann meinte damals: Du hast ja eine volle Tüte. Es ist aber keine Schande, hierher zu kommen", sagt Skrzypek. Falsche Scham, Hemmungen und Vorurteile kennen Marion Cesi und Marina Granzin aus ihrem Engagement bei der Tafel nur zu gut. "Wir kämpfen ständig gegen die Vorurteile der Leute an", sagt Marion Cesi, die das Café und die Theke betreut. Für viele Besucher ist sie Vertraute und Gesprächspartnerin - jemand, dem man mal seine Sorgen anvertrauen kann. Es sind manchmal sehr private Gespräche. Besonders ältere Leute, die ein Leben lang gearbeitet hätten und dann feststellen müssen, dass die Rente nicht zum Leben reicht, seien voller Scham. "Manchmal frage ich sie dann nach dem Einkauf: Und war es schlimm? Das löst die Atmosphäre."

Für Marion Cesi ist es eine Selbstverständlichkeit, bei der Lintforter Tafel mitzuarbeiten. "Wer soll den Menschen denn sonst helfen? Die Politiker behaupten, in Kamp-Lintfort gebe es keine Armut. Aber das stimmt nicht. Zu uns kommen immer mehr Menschen, vor allem seitdem die Zeche geschlossen ist." Und das weiß sie genau: "Weil ich mit den Menschen rede." Die Tafel wurde vor elf Jahren gegründet. Die Mitarbeiter spüren deutlich, dass die Spendenbereitschaft zurückgegangen ist. "Nach Feiertagen gibt es meistens genug. An manchen Tagen kommen unsere Fahrer auch mit leeren Kisten zurück", berichtet Marina Granzin, die als Tafel-Koordinatorin arbeitet.

Wenn mittags um 13 Uhr die Lebensmittelausgabe öffne, sei das Café im Schwarzen Diamanten immer voll. "Manchmal kann man sich kaum noch bewegen", berichtet ihre Kollegin Marion Cesi, die die Tafel seit ihren Anfängen in einer Garage kennt. Für beide ist das Café fast ein zweites Zuhause. "Es ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens", sagt Marina Granzin. "Man verbringt hier fast mehr Zeit als mit seiner Familie", fügt Cesi hinzu.

Mit den zwei Euro, die die Kunden der Lintforter Tafel zahlen, werden übrigens nicht die Lebensmittel gezahlt. Der Obolus ist dafür gedacht, die Unkosten der Tafel zu tragen.

ANJA KATZKE

Quelle: RP
 
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