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Serie Mein Viertel
Einst Acker, heute beliebte Wohnlage

Serie Mein Viertel: Einst Acker, heute beliebte Wohnlage
Manfred und Elisabeth Schlossarek vor ihrem Wohnhaus. Es ist auch das Geburtshaus von Manfred Schlossarek. FOTO: Arnulf Stoffel
Moers. Viele Jahre lang galt Niersenbruch nicht als erste Adresse in Kamp-Lintfort. Heute ist er fast vollständig bebaut. Von Peter Gottschlich

KAMP-LINTFORT Vor 65 Jahren war die Fläche, die zwischen Niersenberg, Rheinberger Straße und Saalhoffer Straße liegt, eine blühende Landschaft mit Weiden und Äckern. "Die Wiesenbruchstraße war noch Feldweg", erinnert sich Manfred Schlossarek an seine frühe Kindheit. "Man hatte freien Blick bis zur Kirchstraße, wo heute der Golfplatz beginnt. Nur hier und da stand ein Haus. Eine durchgehende Bebauung gab es nur an der Rheinberger Straße." An dieser Rheinberger Straße steht auch Elternhaus von Manfred Schlossarek, in dem er mit seiner Frau Elisabeth wohnt.

"Meine Eltern haben das Haus 1935 gebaut", erzählt der 76-Jährige mit Blick auf das Backsteinhaus, das nahe der Einmündung der Wiesenbruchstraße liegt. "1939 wurde ich dort geboren. Seitdem bin ich nicht mehr umgezogen." Die Häuser an der Rheinberger Straße entstanden vor allem in den 1920er und 1930er Jahren. Sie entsprechen einem Fluchtlinienplan, der 1908 für die "kunstgerecht ausgebaute" Rheinberger Straße beschlossen worden war. Die meisten Häuser sind zweigeschossig. Einige ähneln Villen. "Die Rheinberger Straße gehört zum Niersenbruch, auch das Stück der Alten Rheinberger Straße, das heute durch die B 510 abgeschnitten ist", erläutert Stadtarchivar Albert Spitzner-Jahn. Er wohnt mit seiner Frau selbst im Niersenbruch.

In den vergangenen fünf Jahren hat er Informationen zu diesem Stadtteil zusammengetragen, der früher zur Gemeinde Kamperbruch gehörte. Er hat ein 80-seitiges Manuskript erstellt, das er einmal veröffentlichen will, wenn sich ein Finanzier für den Druck findet. An der Rheinberger Straße wohnten zum Beispiel Beamte der Kamp-Lintforter Verwaltung, die in der Bürgermeisterei an der Kamper Sternstraße arbeiteten. Oder dort lebten leitende Mitarbeiter des Bergwerkes Friedrich Heinrich, wie der Elektriker Gottwald Schlossarek, der Vater von Manfred Schlossarek.

Zum Niersenberg hin sah es in der Zwischenkriegszeit anders aus. Dort entstanden kleine Häuser für "kinderreiche Selbstversorger". Auf ihren großen Grundstücken bauten sie Kartoffeln, Gemüse und Obst an, um möglichst wenig Lebensmittel kaufen zu müssen. Dazu hielten sie Ziegen, Hasen oder ein Schwein.

"Dieses Gebiet galt nicht als erste Adresse", blickt Manfred Schlossarek zurück. Als der Zweite Weltkrieg vorüber war, änderte sich das nicht. An der Wiesenbruchstraße kauften Anfang der 1950er Jahre Sudetendeutsche, Schlesier oder Ostpreußen, die von der russischen Besatzungsmacht aus ihrer Heimat vertrieben worden waren, Grundstücke, um dort "Flüchtlingseigenheime" zu errichten. "Zuerst haben sie im Garten einen Schuppen gebaut", erinnert sich Schlossarek. "Dort haben sie gewohnt. Dann haben sie mit Schippe und Schubkarre die Baugrube ausgehoben. Die Frauen haben mit Zement und Asche Hohlblocksteine gegossen, die die Männer verbaut haben. Als der Keller fertig war, sind sie eingezogen. Dann haben sie den Rest des Hauses gebaut." Außerdem ließ die Aachener Wohnungsbaugesellschaft an der Wiesenbruch-, an der Amselstraße und an der Fasanenstraße zweigeschossige Mietshäuser errichten.

In diesem Bereich entwickelte sich schnell ein Zentrum des Niersenbruchs, als dort Erich Pusnik ein Milchgeschäft eröffnete und 1957 ein Lebensmittelmarkt der Konsumgenossenschaft Duisburg-Mülheim einzog, wo sich heute der Rewe-Markt Kiwitt befindet. Dazu wurde 1958 die katholische Volksschule fertiggestellt, 1971 die katholische Pauluskirche mit Kindergarten und 1972 das Paul-Gerhard-Haus. Gleichzeitig zogen immer mehr Menschen in den Niersenbruch, um sich den Wunsch nach einem Einfamilienhaus zu verwirklichen. "Im November 2015 lebten dort 3172 Kamp-Lintforter", erzählt Albert Spitzner-Jahn. "Obwohl der Niersenbruch heute eine bevorzugte Wohnlage ist, wird diese Anzahl nicht mehr steigen, da er fast vollständig bebaut ist." Mit dem Zuwachs stieg der Autoverkehr. "In den 50er Jahren war die Rheinberger Straße nicht ausgebaut", erzählt Manfred Schlossarek. "Mittags lag unser Hund auf der Straße. Die wenigen Autos, die kamen, haben abgebremst und sind ausgewichen. Heute ist das undenkbar. Auf der B 510 ist Auto an Auto unterwegs."

Ähnlich sieht es auf der Wiesenbruchstraße aus, wo Amselstraße und Fasanenstraße einmünden. Dieser Bereich gilt als einer der gefährlichsten in Kamp-Lintfort. "Man muss sich wundern, dass dort nicht mehr Unfälle passieren", meint Manfred Schlossarek.

Deshalb gibt es Überlegungen, diesen Bereich großzügig zu überplanen, zumal die dortige Hauptschule in eineinhalb Jahren schließt, und die Sparkassenfiliale in drei Jahren.

Quelle: RP
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