| 00.00 Uhr

Moers.
Eisige Distanz und magnetische Anziehungskraft

Moers.. Ein Nachruf auf Iris Miss, geboren am 26. August 1960 in Rheinberg, gestorben am 24. April 2017 in Moers. Von Ulli Tückmantel

Vielleicht war niemand ungeeigneter als Iris Miss, um Fotografin zu werden. Nicht, weil Krug ihr das nicht hätte beibringen könnte. Und natürlich konnte Iris fotografieren, ausgezeichnet sogar. Es war nur so, dass das Motiv häufig verblasste, wenn Iris den Raum betrat. Das war nicht ihre Schuld. Iris Miss konnte einfach gar nicht anders, als Räume mit ihrer Präsenz zu füllen. Mancher blieb mit offenem Mund stehen; das langweilte Iris dann sehr. Mit 18 hatte sie bereits alle Langweiler-Komplimente gehört, die langweilige Männer einer schönen Frau machen.

So einer war Kalli nicht, zu dem nie irgendwer Karl-Heinz sagte. Erst kam er wegen einer gebrauchten Kamera. Dann kaufte er bei ihr im Laden Filme. Jeden Tag einen. Fotografierte ihn mit lauter Blödsinn voll, brachte ihn zum Entwickeln und kaufte den nächsten. Das fiel ihr natürlich auf. Schließlich sprach er sie im "Aratta" an der Theke an. So fing das an mit Iris und Kalli. Das war 1978, und natürlich waren sie füreinander wie geschaffen. Fürs Erste bedeutete das: Ein Jahr ging es gut, dann flog ihnen ihre Liebe um die Ohren.

Für Außenstehende war das beruhigend. War doch klar. Iris und Kalli, das war zu viel von allem. Zu viel Leben, zu viel Liebe, zu viel Rock 'n' Roll. Zwei Sonnen, die sich anzogen und abstießen, und keiner konnte als Planet dauerhaft bloß in der Umlaufbahn des anderen sein. Da war Iris 18 und Kalli noch keine 30. Woher hätten sie wissen sollen, wie man das macht: Leben, zusammen und frei, gemeinsam und doch jeder sein eigener Stern?

Für eine Weile verloren sie sich aus den Augen. Iris sattelte um: Raus aus Eick-West, ab an die Costa Brava, wo die Eltern ein kleines Haus besaßen. Iris Miss machte jetzt in Immobilien statt in Fotografie. Sie lernte die Sprache mit hartem katalanischen Akzent, doch das spanische Abenteuer war nicht von Dauer. 1985 kehrte die Familie nach Moers zurück. Iris startete noch einmal neu und machte eine Ausbildung als Schriftsetzerin.

Natürlich schrieb Iris Miss bald selbst. Und eckte an. In den 1990ern wurde von Reportern erwartet, dass sie sich einen Block und einen Stift schnappten, zu der Geschichte fuhren, kühl notierten, was zu notieren war, blicklos fotografierten, was zu fotografieren war, gelangweilt in die Redaktion zurückkehrten und dort in nachlässiger Kleidung hinter Texten und Bildern verschwanden; das konnte ihr nicht gelingen.

Kleidungsstücke und Accessoires kann man ablegen, aber nicht eine angeborene stilvolle Attraktivität, ein ausgeprägtes Gespür für Feinheit und den Anspruch, Dinge ganz oder gar nicht zu machen. Der äußere Eindruck war immer der einer gut angezogenen und perfekt gestylten Frau, ganz gleich, wie sie die Haare trug. Vor ihrer magnetischen Anziehungskraft auf andere schützte sie sich durch bisweilen eisige Distanz.

Wenn es zwischen zwei Menschen richtig schief geht, dann reden sie sich nach Jahren des Getrenntseins ein, dass ihre Liebe die Zeit überdauert hat. Wenn sie dann aber mehr Glück als Verstand haben, nachdem sie es vorhersehbar und unentrinnbar zum zweiten Mal versemmeln müssen, dann entdecken sie, dass die Liebe kein Gedächtnis hat. Die Liebe bleibt nicht. Die kommt und geht wie eine fremde Katze. Mal kratzt sie dich, mal lässt sie sich füttern. Wenn du sie festhältst, ist es aus. Wenn du sie gehen lässt, kommt sie zurück.

Denn was bleibt, ist die Gravitation, und wenn es das Leben gut meint, dann richten sich zwei im Wechselspiel aus Nähe und Distanz am Ende häuslich ein. Ertragen ihre Launen und Eifersüchte, genießen ihre Koketterien und bleiben sich treu in der Veränderung, spiegeln sich ineinander, der eine im anderen. So war das bei Iris und Kalli. Von 1998 bis 2005 hielt ihre zweite Liebe, und bis 2011 dauerte es, als es dann für immer war. Iris schrieb weiter für Blätter und Magazine, ab 2012 als Chefredakteurin für ihr eigenes "Profil 47" und wirkte daneben als Kallis Vizechefin in der "Strandbar 1924" im Naturfreibad Bettenkamper Meer.

Wenn man die Zeit besiegt und das Leben gewonnen hat, gibt es nicht mehr viel, was einen trennen kann. An Menschen wie Iris muss der Tod sich unbemerkt anschleichen und wie schon überall in ihrem Körper sitzen, bevor man ihn bemerkt. Bei Iris Miss verriet er sich im Februar mit belanglosen Schmerzen im Arm. Eigentlich nichts, was einen ängstigen müsste. Da war es schon zu spät. "Iris war meine liebste Freundin und mein bester Freund", schrieb Kalli vergangene Woche an einen Kumpel, und: "Der Pott Kalli hat seinen liebsten und besten Deckel verloren."

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Moers.: Eisige Distanz und magnetische Anziehungskraft


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.