| 14.16 Uhr

Moers
Es darf auch mal jazzig sein

Moers. In der evangelischen Kirche in Schwafheim spielt Hartmut Rühl seit 29 Jahren nebenamtlich die Orgel. Der pensionierte Studiendirektor gab jahrelang im Musikunterricht am Gymnasium Adolfinum den Ton an. Von Tobias Schwerdtfeger

Das Besondere an ihr sei, dass sie nichts Besonderes habe, sagt Hartmut Rühl und lächelt dabei ein wenig verschmitzt in Richtung des hoch aufbauenden Pfeifenprospekts. Der pensionierte Studiendirektor, der viele Jahre am Gymnasium Adolfinum im Musikunterricht und im Schulchor den Ton angegeben hat, hat ein kleines unscheinbares Heftlein auf das Notenpult der Orgel gestellt. Noch während er es aufschlägt, entfährt ihm ein "Bach kennt doch jeder", und einige Augenblicke später erklingen fremdartige Orgeltöne im Rund der evangelischen Kirche in Schwafheim: Rühl, 68 Jahre, jazzt mit verminderten Septakkorden im halben Plenum an der 2005 generalüberholten Gustav-Steinmann-Orgel.

Nach einem kurzweiligen Arbeitsnachweis der 16 klingenden Register ist der Tonspuk auch schon wieder vorbei. Es darf geklatscht werden – der Moment schien gerade passend, da setzt Rühl schon wieder nach: "Heute muss ein Kirchenmusiker vielseitig sein und nicht in einer Richtung festgefahren", überrascht er den Zuhörer schon zum zweiten Mal. Popmusik im Gotteshaus, das sei doch längst kein Tabu mehr. Bach sei trotzdem einer seiner Lieblingskomponisten – ganz besonders die Chorwerke hätten es ihm angetan. Ein Werk mag der Gründer der Schwafheimer Kantorei ganz besonders. "Präludium in c-Dur", verrät Rühl den Namen des Stückes, das er den Tasten der Orgel entlockt, wenn er besonders gut gelaunt ist. Mit 16 hat er das Orgelspiel erlernt. So begeistert war der junge Rühl vom Aufbau der Kirchenorgel in seiner Heimatgemeinde Hochheide, dass er sich fürs Studium der Schul- und Kirchenmusik in Düsseldorf, Wuppertal und Köln entschied. Mit 40 wollte er schon wieder aufhören zu spielen. "Ich hatte den Eindruck, es reiche", sagt er.

Mit 65 Jahren hat er den Schuldienst quittiert. Die Arbeit an der Orgel wolle er mit dem Beginn des 70. Lebensjahres beenden. "Dann reicht's", sagt er und man kann erahnen, dass der geplante Abschied von den Tasten einer auf Raten sein könnte. Über Eltern einer ehemaligen Schülerin kam er an die Schwafheimer Kirche. 1979 stand die Kirche an der Ackerstraße, der Mörtel noch nicht ganz getrocknet, zog 1980 die Orgel ein, und nur ein Jahr später folgte ihr der Studiendirektor aus Rumeln-Kaldenhausen. "Der Mann kann auch mit den Füßen spielen" – die Gemeindemitglieder waren begeistert, dass da nun jemand saß, der im Gegensatz zum Vorgänger auch das Pedal bedienen konnte.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Moers: Es darf auch mal jazzig sein


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.