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Neukirchen-Vluyn
Florenz: Ein Vluyner für Europa

Neukirchen-Vluyn: Florenz: Ein Vluyner für Europa
Zwischen den Sitzungen im Europäischen Parlament in Straßburg gibt der Abgeordnete Karl-Heinz Florenz (2. v. rechts) ein Interview nach dem anderen. Geduldig beantwortet er auf Deutsch oder Englisch die immer wieder gleichen Fragen der verschiedenen internationalen Fernsehreporter. FOTO: Cornelia Brandt
Neukirchen-Vluyn. Seit 23 Jahren ist Karl-Heinz Florenz für die CDU Mitglied des Europäischen Parlaments, das in Brüssel und Straßburg tagt. Der "Grafschafter" begleitete den 64-jährigen Vollblutpolitiker, als es um die Wahl des neuen Parlamentspräsidenten und um die neue Richtlinie für Entsorgung von Elektroschrott ging. Von Cornelia Brandt

Zum Mittagessen ein rund drei Meter langes Fischbuffet, guter französischer Wein und am Nebentisch sitzt José Manuel Barroso, der aktuelle Präsident der Europäischen Kommission, während draußen die Sonne über Straßburg strahlt. Ein Leben wie Gott in Frankreich, könnte man fast meinen.

Doch bei dem vermeintlichen Schlaraffenland handelt es sich um ein Arbeitsessen von Karl-Heinz Florenz, Mitglied des Europäischen Parlaments, das der Neukirchen-Vluyner auch noch aus eigener Tasche bezahlt. Denn oftmals schafft er es bei seinem straffen Zeitplan nicht einmal bis in die Parlaments-Kantine, weil ein Termin den nächsten jagt.

Die starke Frau im Hintergrund

Die Übersicht behält hierbei Florenz' Assistentin, die Parlamentarische Referentin Julia Philipp. Seit rund fünf Jahren sind der Abgeordnete und die studierte Juristin ein eingespieltes Team. Sowohl in Brüssel, als auch in Straßburg, wo das Europaparlament für eine Woche im Monat tagt. Wie in einem Bienenkorb geht es dann im Parlament zu, wenn mehr als 4000 Beschäftigte und mehrere Hundert Journalisten dort das Geschehen in Europa lenken und darüber berichten.

Und passenderweise sieht der Plenarsaal, den die Zuschauer aus dem Fernsehen mit seinen blauen Sitzen kennen, von außen auch aus wie ein Bienenkorb. Nachdem der deutsche Sozialdemokrat Martin Schulz als neuer Präsident des Europäischen Parlaments gewählt ist, steht Florenz noch schnell einigen deutschen Journalisten Rede und Antwort, bevor er auch schon zum nächsten Termin muss. Auf seinem Programm steht nun die Wahl des Vizepräsidenten.

In der Zwischenzeit hat Philipp vom Büro aus Interviewtermine mit verschiedenen Presseteams vereinbart. Das ZDF hat angefragt, die ARD möchte ein Interview und auch ausländische Fernsehteams wollen eine persönliche Stellungnahme von Florenz zur Elektroaltgeräterichtlinie aufnehmen.

Es ist ein schönes Büro, dass Florenz zur Verfügung steht. Die Aussicht aus dem zehnten Stock ist umwerfend, es gibt ein kleines Bad und sogar ein rotes Sofa und einen Fernseher. Doch der ist nicht zur Unterhaltung da, sondern ermöglicht es, vom Büro aus dem Geschehen im Plenarsaal zu folgen. Und das Büro, kaum größer als ein durchschnittliches deutsches Kinderzimmer, teilt Florenz sich mit Philipp und einer Praktikantin.

Der nächste Tag startet mit der Schlüsseldebatte zum Programm der dänischen Ratspräsidentschaft. Im Pressebereich, gleich vor dem Plenarsaal, wartet schon ein Fernsehteam auf Florenz. Julia Philipp liest ihm schnell noch ein paar Stichworte und Zahlen zur neuen Elektroaltgeräterichtlinie vor, damit Florenz auch ja nichts Wichtiges zu erwähnen vergisst.

Denn wieder und wieder beantwortet dieser geduldig die immer gleichen Fragen der Pressleute. Egal ob Print, Radio oder TV, auf Englisch oder Deutsch, alle wollen sie das Gleiche wissen. Da kann es dann auch mal vorkommen, dass man meint, den einen oder anderen Punkt erwähnt zu haben – dabei war es im vorigen Interview.

Schnell noch begrüßt Florenz, quasi im Vorbeigehen, Reinhard Bütikofer, den Sprecher der deutschen Delegation der Grünen im Europaparlament, während ein paar Meter weiter Udo van Kampen, der das ZDF-Studio in Brüssel leitet, weitere Abgeordnete interviewt.

"Sie müssen zur Pressekonferenz", mahnt Philipp. Im Konferenzsaal, der fast wie eine Miniaturausgabe des Plenarsaals aussieht, warten schon die internationalen Pressevertreter. An jedem Platz gibt es einen Kopfhörer, über den auf Knopfdruck der Übersetzung des Gesagten in die Sprachen der 28 Mitgliedsländer gelauscht werden kann.

Die Simultan-Dolmetscher sitzen hinter Glasscheiben außen herum. Aquariums-Atmosphäre. Und wieder beantwortet Florenz die immer gleichen Fragen, bevor er wieder in den Plenarsaal eilt, wo als nächstes Ungarns Regierungschef Viktor Orbán vor der Kommission spricht. Mit der Debatte zu Durban und "seiner" Elektroaltgeräterichtlinie findet am späten Abend ein langer Tag sein Ende.

Abstimmung dauert nur Minuten

Am dritten und letzten Tag der Straßburg-Woche folgen endlich die wichtigen Abstimmungen, unter anderem über Florenz' Elektroaltgeräterichtlinie. Der Plenarsaal ist jetzt proppenvoll. Kein Abgeordneter, der gerade etwas anderes zu tun hätte. Vorher gibt Florenz noch schnell ein weiteres Interview. Wie ein "guter Geist" wacht auch jetzt Julia Philipp gleich daneben über das Geschehen. Und hält während der Aufzeichnung Florenz' Apfel, denn ein richtiges Mittagessen ist heute nicht in Sicht.

Die Abstimmung erfolgt per Handzeichen und ist innerhalb weniger Minuten vorbei. Kurz nach Mittag herrscht Aufbruchstimmung. Fast fluchtartig und im Massenstart verlassen die Beschäftigten das Europäische Parlament. Vor Florenz liegen jetzt noch gute fünf Stunden am Steuer seines Wagens, bis er endlich zu Hause im beschaulichen Neukirchen-Vluyn ist. Gleich nach dem Wochenende geht es für ihn gleich wieder nach "Europa". Für die folgenden drei Wochen liegt das in Brüssel, danach geht die Reise aufs neue nach Straßburg.

Quelle: RP
 
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