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Moers
Flüchtlingskinder lernen den Alltag

Chorweiler: So sieht die Zeltstadt für Flüchtlinge aus
Chorweiler: So sieht die Zeltstadt für Flüchtlinge aus FOTO: dpa, mb soe
Moers. Besuch in der Vorbereitungsklasse der Justus-von-Liebig-Hauptschule. Die Schüler müssen nicht nur eine neue Sprache, sondern ein neues Werte- und Regelsystem lernen. "Schon regelmäßig zu kommen, ist für viele ein Problem." Von Josef Pogorzalek

Der Junge steht vor der Klasse, zuckt mit den Schultern und schaut hilflos zu Duygu Yilmaz, die ihm ein Kärtchen mit einem Schriftzug gezeigt hat. Die Lehrerin beginnt, einen imaginären Spielkartenstapel zu verteilen, der Junge nimmt die Gesten auf. Finger schießen in die Luft. "Karten!" ruft ein Schüler, mit einem gerollten "r", das eine ausländische Herkunft verrät.

Beim Scharadespiel in der Vorbereitungsklasse an der Justus-von-Liebig-Hauptschule haben die Kinder nicht nur Spaß, sie verbessern vor allem ihre Deutschkenntnisse. Zwei solcher jahrgangsübergreifenden Gruppen gibt es an der Schule in Meerbeck-Hochstraß, eine für die Klassen fünf bis sieben - die von Duygu Yilmaz betreut wird - und eine für die Klassen acht bis zehn, die ihre Kollegin Barbara Knopp unterrichtet. Insgesamt sind es 40 Schüler aus 13 Nationen, manche kommen aus EU-"Drittländern", immer mehr sind aber Flüchtlingskinder, deren Familien in Deutschland Asyl suchen.

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Im Schuljargon heißen sie alle Seiteneinsteiger. Was deren Beschulung angeht, hat die Justus-von-Liebig-Schule einen Erfahrungsvorsprung. "Wir hatten schon früher eine Gruppe", berichtet Schulleiterin Claudia Corell. "Als die Zahlen 2012 explodiert sind, ist die zweite dazugekommen."

Inzwischen gibt es auch an der Henrich-Pattberg-Realschule sowie am Gymnasium Rheinkamp Gruppen, in denen Flüchtlingskinder auf den "normalen" Schulalltag vorbereitet werden. Der Bedarf wird wachsen, denn die Stadt erwartet eine wachsende Zahl von Flüchtlingsfamilien. "Jede Schule müsste das leisten", findet Barbara Knopp. Dass Gymnasien sich um die Betreuung von Flüchtlingskindern drücken, stimme aber nicht, sagt Claudia Corell. "Wenn man die Gymnasien gezielt anspricht, dann kümmern sie sich auch." So habe das Adolfinum Seiteneinsteiger aufgenommen, die entsprechend gut waren. Auch der "Austausch" von Schülern mit der Realschule oder Gesamtschule funktioniere, wenn sich herausstellt, dass die eine oder andere Schulform für jemanden besser geeignet sei.

"Wir haben in Moers ein gutes Netzwerk aufgebaut", sagt Claudia Corell. Stadt, Bunter Tisch, SCI wirkten dabei mit. Bei Problemen helfe auch das Interkommunale Integrationszentrum des Kreises. Barbara Knopp und Duygu Yilmaz würden sich vor allem kleinere Vorbereitungsklassen wünschen. Aber an ihrer Schule fehlt es an Räumen. Außerdem können Schulen nicht beliebig viele Lehrer für die Betreuung von Seiteneinsteigern abstellen. Die Zahl der sogenannten Integrationsstellen gebe die Bezirksregierung nach einem Schlüssel vor.

Die beiden Lehrerinnen haben sich fortgebildet, um den Jungen und Mädchen, die in der Regel anfangs kein Wort Deutsch können, helfen zu können. "Es ist eine schöne Arbeit, man bekommt viel zurück, aber es ist auch anstrengend." Die Schüler müssten nicht nur eine neue Sprache, sondern ein neues Werte- und Regelsystem lernen. "Schon regelmäßig zu kommen, ist für viele ein Problem." Das kann unterschiedliche Gründe haben. Duygu Yilmaz erinnert sich an einen jungen Syrer, der aufgrund der Kriegswirren in seiner Heimat zwei Jahre lang keine Schule besucht hatte, bevor er nach Moers kam. Über die Schicksale ihrer Familien sprechen die Schüler aber eher wenig, sagen die Lehrerinnen. Mit Abschiebungen nach gescheitertem Asylantrag werden sie dagegen öfter konfrontiert. "Das ist belastend, auch für die anderen Kinder."

Duygu Yilmaz hilft einem Flüchtling bei einer Aufgabe. Die Lehrerin betreut eine Vorbereitungsgruppe an der Justus-von-Liebig-Hauptschule, in der "Seiteneinsteiger" mit ausländischen Wurzeln die deutsche Sprache lernen, aber auch mit hiesigen Werten und Regeln vertrautgemacht werden. FOTO: Klaus Dieker

Wichtig ist es, die Seiteneinsteiger nicht ganz von den regulären Schülern zu trennen. So hat jeder Seiteneinsteiger eine "Kontaktklasse", die er umso häufiger besucht, je größer die Fortschritte in der Vorbereitungsklasse werden. Die Integration sei kein Problem. "Mit insgesamt 26 Nationen sind wie sowieso multikulturell", sagt Corell.

Nach zwei Jahren wechseln die Flüchtlingskinder komplett in den normalen Unterricht. Bei den Jüngeren klappe dies ganz gut. Doch jugendlichen Seiteneinsteigern falle es oft schwer, selbst den Hauptschulabschluss zu erreichen, sagt Claudia Corell. Darauf müsse sich die Berufsvorbereitung ab dem achten Schuljahr besonders einstellen.

Quelle: RP
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