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Moers
Großer Andrang zur Extraschicht

Moers. Innenhafen, Museum der Deutschen Binnenschifffahrt, Landschaftspark Nord und erstmals ThyssenKrupp Steel waren die Duisburger Spielorte der diesjährigen Nacht der Industriekultur. Überall bildeten sich lange Schlangen. Von Ingo Hoddick

Jedes Jahr am letzten Wochenende im Juni steigt im Ruhrgebiet die "Extraschicht - Nacht der Industriekultur". In diesem Jahr gab es 48 Spielorte in 20 Städten, bespielt von etwa 2000 Künstlern. In Duisburg beteiligten sich in diesem Jahr vier attraktive Spielorte: der Innenhafen, das Museum der Deutschen Binnenschifffahrt in Ruhrort, der Landschaftspark Nord in Meiderich und erstmals ThyssenKrupp Steel in Hamborn. Obwohl das Wetter kühl und schauerartig sogar nass war, wuchsen die Menschenmassen zwischen 18 Uhr am Samstag und zwei Uhr morgens am Sonntag immer weiter an. Überall bildeten sich lange Schlangen, auch an den Haltestellen der Shuttlebusse oder der Nostalgiezüge, die vom Landschaftspark aus in das Stahlwerk verkehrten.

Denn ein besonderer Reiz bestand jetzt darin, dass man ein 1985 stillgelegtes Stahlwerk, eben den Landschaftspark Nord, vergleichen konnte mit Duisburgs letztem aktiven Stahlwerk, das aber zugleich das größte und modernste der Welt ist. Mit durchschnittlich einer Million Besuchern pro Jahr gehört der Landschaftspark Nord zu den beliebtesten Natur- und Kulturlandschaften in Nordrhein-Westfalen. Industriekultur, die wieder erstarkte Natur und ein faszinierendes Lichtspektakel verbinden sich zu einem ganz besonderen Erlebnis. Wo früher die Hochöfen qualmten, können Besucher heute klettern, tauchen, wandern oder die Aussicht genießen. Jetzt bei der Extraschicht wollten besonders viele Menschen die Führungen durch den ehemaligen Hochofen 5 mitmachen. Obwohl die Führungen alle Viertelstunde starteten, mussten die Interessierten lange warten - die Zeit wurde aber bestens verkürzt durch die Bühne, vor allem durch die herrliche, auf Zuruf aus dem Publikum improvisierte Comedy der Gruppe "Emscherblut". Ein Höhepunkt war die Einladung zum Mitsingen in der Gießhalle des Landschaftsparks: Anja Lerch brachte auf souverän-fröhliche Art mehr als 1000 Menschen dazu, lauthals mitzusingen, wenn sie Songs von Hildegard Knef, den Beatles, Michael Jackson oder Reinhard Mey anstimmte. Sogar das Volkslied "Kein schöner Land" sorgte für beste Stimmung beim "Rudelsingen". Das Ganze war gut vorbereitet: Die Liedtexte wurden auf eine große Leinwand projiziert, und Anja Lerch begleitete sich und das Publikum auf dem Keyboard.

Bustouren im Akkord gab es während der Extraschicht durch ein Gelände, das fast fünfmal so groß ist wie Monaco (9,3 Quadratkilometer) und auf dem so viele Menschen arbeiten, wie in einer deutschen Kleinstadt leben (etwa 14 000). Vier Hochöfen erzeugen hier jeden Tag rund um Uhr 30 000 Tonnen Roheisen, jedes Jahr werden rund 12 Millionen Tonnen Stahl produziert - am Standort Duisburg seit 125 Jahren. Genau genommen ist ein laufender Betrieb noch keine Industriekultur, aber den Besuchern wurde deutlich, dass auch dort die Zeit nicht stehengeblieben ist. Die benötigte Kohle kommt längst nicht mehr aus dem eigenen Bergwerk, sondern über den eigenen Rheinhafen Schwelgern aus Übersee. Seinen gigantischen Wasserbedarf deckt das Werk aus dem Rhein, macht daraus einen eigenen Wasserkreislauf und gibt einen Teil sauberer an den Fluss zurück. Seinen gigantischen Energiebedarf deckt das Werk aus eigenen Gasen, Überschüsse werden in das städtische Stromnetz eingespeist. Am meisten verblüffte bei der Bustour der große Anteil von Grünflächen an dem Werksgelände, nämlich 2,3 Quadratkilometer. Während sich die Natur den heutigen Landschaftspark Nord erst zurückerobern musste, ist sie bei ThyssenKrupp jetzt schon ein Teil der Anlage. Es gibt Kaninchen und die bei den Mitarbeitern beliebten "Werkskatzen", gesichtet worden sein sollen sogar Rehe und Füchse. Die Extraschicht bot auch jenen Menschen die außergewöhnliche Gelegenheit, diesen großen Teil des Duisburger Nordens zu besuchen, der sonst nicht zugänglich ist. Teile des Werks sind nach den Stadtteilen benannt, in die es sich hinein "gefressen" hat. Jeder Duisburger kennt den orange-farbenen Schein am Nachthimmel, wenn in Hamborn die Schlacke abgekippt wird.

Die Zeiten scheinen vorbei, als die Arbeiter in der Gebläsehalle im heutigen Landschaftspark in den 1960er Jahren den neuen Gehörschutz ablehnten - zu spät, sie konnten schon lange nichts mehr hören...

Quelle: RP
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