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Moers
Hier tragen nicht nur Brandstifter Masken

Moers. Das Schlosstheater startet mit "Biedermann und die Brandstifter" als Parabel auf Fremdenfeindlichkeit in die neue Spielzeit. Von Anja Katzke

Gottlieb Biedermanns heile Welt ist in Schieflage geraten, bevor der erste Brandstifter sein Haus betritt - und das Publikum den Theaterraum im Schloss. Bühnenbildnerin Birgit Angele hat für den Auftakt in die neue Spielzeit eine Drehbühne kreiert, die als schiefe Ebene den Schauspielern keinen festen Halt bietet und jederzeit ins Wanken geraten kann. Ebenso wie das Leben, in dem es sich Biedermann gemütlich eingerichtet hat. Das "Herzlich Willkommen", mit Kreide auf den Bühnenboden geschrieben, ist hier als genauso inhaltsleere Floskel wie auf vielen deutschen Fußmatten zu lesen. Ulrich Greb, Intendanten des Moerser Schlosstheaters, spürt zum Start in die neue Spielzeit, die unter dem Motto "Freie Radikale" steht, der deutschen Angst vor dem Fremden nach - und auch ihren brandgefährlichen Einflüsterern. Und trifft damit einen freiliegenden Nerv - in Anbetracht brennender Asylbewerberunterkünfte in Deutschland.

Die Blaupause, die so zeitlos ist, dass sich Aktualität beinahe mühelos mit ihr kommentieren lässt, liefert das 1958 uraufgeführte "Lehrstück ohne Lehre": "Biedermann und die Brandstifter" des Schweizer Schriftstellers Max Frisch. Biedermann nimmt zwei Brandstifter auf, erkennt ihr gefährliches Vorhaben, ist aber nicht in der Lage, beherzt zu handeln und sie vor die Tür zu setzen. Und am Ende reicht er ihnen wider Willen das Streichholz, das alles zerstören wird. Ulrich Greb geht in seiner Inszenierung, die trotz der benachbarten Moerser Kirmes ein großes Publikum fand, weit über die Vorlage des Schweizer Schriftstellers hinaus. Es geht ihm um die geistigen Brandstifter von heute.

Um das politische Thema zu verstärken, lässt er Magdalena Artelt, die das Dienstmädchen Anna spielt, abseits der Bühne aus einschlägigen Internetblogs zitieren, die Besorgnis erregen: "Wir brauchen keine Willkommenskultur, sondern eine Abschiedskultur." Dem Chor, den Max Frisch als ironische Anspielung auf die griechische Tragödie als Feuerwehr ins Theaterstück geschrieben hatte, stellt der Regisseur einen eigenen Chor entgegen. Dafür hat er den Bürgerchor reaktiviert, der mehrfach in der Grafenstadt zum Einsatz kam. Die Sänger sitzen im Publikum und kommentieren als Irritation für das Publikum die Szenerie, rufen unerwartet "Lüge" und "Schande". Otto Beatus, der die musikalische Leitung übernommen hat, hat mit dem Laienchor (Hildegard Hecker, Dagmar Höffken, Sabine Jüngling, Stefan Otto-Bach, Brigitte Puchalski, Ursula Schürings, Brigitte Timme, Anke van den Bosch, Alexandra Warkall, Dagmar Winkler und Markus Zeppen) deutsches Liedgut wie "Hohe Tannen" und Xavier Naidoos Song "Was wir nicht alleine schaffen" einstudiert.

Die Schauspieler Frank Wickermann (Biedermann), Patrick Dollas, Matthias Heße, Marissa Möller und Magdalena Artelt tragen Masken. Es sind fratzenhaft überzeichnete Gesichter, die wie im holzschnittartigen Kasperltheater nur ein Minenspiel zulassen und ein bisschen an die Rocky-Horror-Picture-Show erinnern. Letztlich sind die Masken aber nur Platzhalter, hinter denen sich Jedermann verbergen könnte. Greb verliert, wie man ihn kennt, auch in dieser Inszenierung nie den Humor aus den Augen - sei es durch Slapstick-Einlagen oder Anleihen aus dem Kino. Begleit-Melodie der Brandstifter ist die Musik aus dem Rosaroten Panther. Und deshalb heißt es am Ende, wenn die Rauchwolken eines Stadtbrands in Miniaturformat verzogen sind, auch: "Wir kommen wieder. Keine Frage".

Quelle: RP
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