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Moers
HIV: Betreuer werfen Jungen aus Ferienfreizeit

Moers: HIV: Betreuer werfen Jungen aus Ferienfreizeit
Svenja T. im Gespräch mit Dietmar Heyde von der Aids-Hilfe Duisburg/Kreis Wesel. FOTO: Christoph Reichwein
Moers. Die Mutter streitet sich nun mit der Kirchengemeinde vor Gericht. Es geht um Diskriminierung und Geld. Von Josef Pogorzalek

Schlimme Monate liegen hinter Svenja T. (Name geändert) und ihrer Familie. Die beiden Söhne J. (11) und N. (9), die sich früher gut verstanden hatten, schlugen und stritten, J. fiel in der Schule durch aggressives Verhalten auf und beging Ladendiebstähle. "Dreimal wurde er von der Polizei nach Hause gebracht. Auf die Frage, warum er gestohlen hatte, antwortete er: Ich weiß es nicht." Der fortwährende Stress brachte auch die Ehe der 29-jährigen Russin zum Kriseln. 2012 hatte sie auf Malta einen Moerser kennengelernt, heiratete ihn und folgte ihm mit ihren Söhnen an den Niederrhein.

Die Probleme führt Svenja T. zurück auf einen Vorfall, der sich im Sommer 2015 ereignet hat: Damals waren ihre Söhne mit der katholischen Gemeinde St. Martinus, Pfarrbezirk St. Ida, im Ferienlager auf Ameland. Doch schon einen Tag nach der Abfahrt wurden die beiden des Ferienlagers verwiesen und zurück nach Hause gebracht. Grund: J., den Svenja T. 2011 in Russland adoptiert hatte, ist HIV-positiv. Die Lagerleitung habe davon erfahren, weil der Junge regelmäßig Medikamente einnehmen muss.

Vor der Freizeit hatte die Mutter der Gemeinde nicht genau mitgeteilt, warum ihr Sohn Arzneien braucht. "Dazu ist sie auch nicht verpflichtet", unterstrich gestern Dietmar Heyde von der Aids-Hilfe Duisburg/Kreis Wesel. Er äußerte Bewunderung für den Mut der Moerserin, an die Öffentlichkeit zu gehen. Er sieht in dem Verhalten der Kirchengemeinde ein Beispiel für die Stigmatisierung und Diskriminierung unter der HIV-positive und aidskranke Menschen immer noch leiden müssen. "Wir möchten Entspannung in den Umgang der Gesellschaft mit Aids und HIV bringen", sagte Heyde. "Denn von ihnen geht keinerlei Gefahr aus."

Dass von J. keine Gefahr ausging, hatte der Junge im Ferienlager sogar Schwarz auf Weiß: Sein Arzt hatte eine Bescheinigung über eine nicht ansteckenden Immunschwäche ausgestellt. Die Leitung des Ferienlagers habe die Unbedenklichkeitsbescheinigung aber ignoriert. Laut Svenja T. versuchten die Betreuer zwar, den Arzt in der Klinik zu erreichen, aber weil Sonntag war, sei dies nicht gelungen. Auf die Bitte der Mutter, bis Montag zu warten, habe sich die Lagerleitung nicht eingelassen. Beide Söhne wurden zurück nach Hause gebracht. Weil die Eltern mittlerweile selbst in einen Türkei-Urlaub aufgebrochen waren, mussten die Schwiegereltern die Kinder mitten in der Nacht in Empfang nehmen.

Von einem "katastrophalen Verhalten" sprach Heyde gestern, umso mehr, als der jüngere Sohn in "Sippenhaft" genommen worden sei. Offenbar sei befürchtet worden, dass er sich bei seinem Bruder angesteckt haben könnte. Es sei kein Wunder, dass sich das gesellschaftliche Klima gegenüber aidskranken und HIV-positiven Menschen nicht bessere, "wenn das nicht mal bei einer Kirchengemeinde mit christlichen Wertvorstellungen funktioniert."

Dietmar Heyde und Svenja T. werfen der Gemeinde vor, sich nicht entschuldigt und das Geschehene nicht vernünftig aufgearbeitet zu haben. Obwohl die Kirchengemeinde stets versichert habe, wie wichtig ihr die Sache sei, habe sie durch eine "Aussitzstrategie" ein gemeinsames Gespräch aller Beteiligten in den vergangenen Monaten verhindert. Inzwischen streiten Svenja T. und die Kirchengemeinde - beziehungsweise deren Versicherung - vor Gericht. T. möchte das Geld für die Ameland-Ferienfreizeit (800 Euro) zurückbekommen und macht weitere Kosten geltend. Dabei geht es unter anderem um Flüge der beiden Jungen in die Türkei zu den Eltern und Hotelkosten, denn nach dem "Rauswurf" auf Ameland ließ das Ehepaar die Kinder in den Urlaub nachkommen. 3000 Euro fordert die Familie insgesamt von der Kirchengemeinde. Svenja T. schloss gestern nicht aus, dass zudem Schmerzensgeldforderungen folgen werden.

Was die familiären Probleme angeht, scheinen Svenja T., ihre Söhne und ihr Mann auf dem Weg der Besserung zu sein. J. habe sich inzwischen gefangen, eine Osterferienfreizeit in Duisburg, die völlig problemlos verlaufen sei, habe ihm dabei geholfen. Das Gesprächsangebot an die Kirchengemeinde gelte nach wie vor, versicherten gestern Heyde und Svenja T. "Ich möchte, dass die Kirche davon lernt und sich nicht Ähnliches mit anderen Kindern wiederholt", sagte die Mutter.

Gegenüber unserer Redaktion wollte sich die Gemeinde St. Martinus nicht zu den Vorwürfen äußern. Pfarrer Heinrich Bösing ist derzeit in Rom. Der stellvertretende Vorsitzende des Gemeindevorstands, Hans-Dieter Pütz, wies auf das laufende Gerichtsverfahren hin.

Anmerkung der Redaktion: Der Name der Mutter wurde in zwei Texten zum Thema einmal mit Svenja T. und einmal mit Nathalie T. angegeben. Beide Namen sind nicht die echten Namen der Frau. Der Einheitlichkeit halber haben wir den (falschen) Namen in diesem Text deshalb geändert. 

Quelle: RP
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