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Moers
Hypnose für schmerzfreies Tätowieren

Moers: Hypnose für schmerzfreies Tätowieren
Fünf Minuten volles Vertrauen, mehr braucht Thomas Steinke nicht: Dann kann er einen Probanden hypnotisieren. FOTO: Klaus Dieker
Moers. Hypnotiseur Thomas Steinke möchte Kunden des Tattoostudios Needle Twist eine Behandlung ohne Schmerzen ermöglichen. Doch funktioniert Hypnose wirklich? RP-Mitarbeiterin Jana Marquardt wagte den Selbstversuch. Von Jana Marquardt

Als ich am Samstagmittag das Tattoostudio Needle Twist im Bahnhofsgebäude betrete, liegt eine junge Frau auf eine der schwarzen Liegen und lässt sich auf Rücken und Hüfte ein aufwendiges Tattoo-Motiv stechen. Nele heißt sie, ist 19 Jahre alt und kommt aus Moers. Sie hat sich vollkommen entspannt auf die Seite gerollt. An ihrer linken Seite steht Tätowierer Hasan Kocak, genannt Kojak, und sticht konzentriert mit der Tattoo-Nadel zu, während Hypnotiseur Thomas Steinke (47) aus Moers auf der anderen Seite sitzt und mit sanfter Stimme auf Nele einredet.

Würde er jetzt sagen: "Schlaf ein, schlaf ganz tief", sie würde es tun. Denn Nele steht unter Hypnose. "Zu 90 Prozent kann ich bestimmen, was sie tut", erklärt Steinke, der mit seinen tiefblauen Augen sehr vertrauenswürdig wirkt. Und das muss er auch. "Voraussetzung für eine Hypnose ist, dass der Probant mir fünf Minuten sein vollstes Vertrauen schenkt", erklärt er. "Dann kann alles ganz schnell gehen. Drei Sekunden bis fünf Minuten, länger dauert's meistens nicht."

Jana Marquardt unter Hypnose. Sie fühlt sich leicht und entspannt. FOTO: Dieker Klaus

Tätowierer Kojak legt eine kurze Pause ein. Nele darf aufstehen. Sie wirkt benommen, etwas abwesend vielleicht. Doch ansprechbar ist sie. "Wie fühlst du dich?", frage ich. "Tiefenentspannt", antwortet Nele. "Aber auch sehr müde. Schmerzen habe ich zwar immer noch, aber sie sind weitaus weniger stark als sonst." Die 19-Jährige ist kein Tattoo-Neuling. "Mein Schmerzempfinden war bei meinen vorherigen Tattoos sehr hoch. Als Kojak mich gefragt hat, ob ich mal Hypnose ausprobieren wolle, war ich begeistert", erzählt Nele. Kojak nickt. "Die Hypnose hat neben der Verringerung der Schmerzen noch andere Vorteile", erklärt er. "Der Blutdruck sinkt in diesem Zustand. So blutet die Wunde weniger." Eine Hypnose könne über Stunden hingezogen werden und verhindere auch nervöse Bewegungen der Kunden. "So haben es beide Seiten leichter", versichert er.

Dass Nele immer noch hypnotisiert ist, bemerke ich kaum - bis Thomas Steinke ihr befiehlt, sofort einzuschlafen und dabei die Hand auf ihren Kopf legt. Sofort schließt sie die Augen und ihr Kopf kippt zur Seite auf die Sofalehne. Ich bin beeindruckt, auch wenn Neles Kontrollverlust über sich selbst ein mulmiges Gefühl in mir auslöst. "Möchtest du das auch mal ausprobieren?", fragt der Hypnotiseur. Ich nicke nervös.

Lange blickt mir Thomas, wie ich ihn ab jetzt nennen soll - denn "die Hypnose funktioniert nur mit dem Du" - in die Augen. "Ja, das dürfte klappen", meint er. Nachdem Thomas abgeklärt hat, ob ich Herz- oder Kreislaufprobleme habe, Medikamente nehme oder unter Epilepsie leide, ist es soweit. Ich soll einen Punkt in seinen Augen fixieren. "Nur einen Punkt", wiederholt er wie ein Mantra. "Jetzt falte deine Hände als wolltest du beten. Nur die beiden Zeigefinger hältst du nach oben." Ich gehorche und fühle mich etwas schwindelig - ob von der Hypnose oder der Aufregung kann ich nicht sagen. Als ich die Augen schließe, höre ich seine Stimme, die befiehlt: "Du antwortest jetzt nicht mehr auf meine Befehle, sondern führst sie einfach aus." Dann soll ich die Augen öffnen, meine Zeigefinger auseinanderziehen. Ich tue das, ohne es zu hinterfragen.

"Lass deine Arme sinken, du wirst ganz müde, deine Arme werden schwer", beschwört Thomas. Ich fühle mich trotz meiner schweren Arme merkwürdig leicht. Die Hintergrundgeräusche höre ich, kann mich aber nur auf Thomas' Stimme konzentrieren. Er erzählt mir von einem warmen Sandstrand, dort stehe ich, blicke auf das Meer. Ein Schiff fährt vorbei, mein Name ziert den Bug in großen Buchstaben. Ganz langsam verschwindet es am Horizont und somit auch mein Name. "Wenn du gleich aufwachst, kannst du deinen Namen nicht mehr aussprechen", sagt Thomas. Ein beunruhigender Gedanke. Mich stört er in diesem Augenblick nicht. Ich schlage die Augen auf, während er mir die Hand gibt und auffordert, mich vorzustellen. "Jana" kommt mir nicht mehr über die Lippen. Mit seinem Fingerschnipsen einige Sekunden später gelingt es mir wieder.

Thomas nimmt mir mit dem gleichen Prozedere die Zahl vier weg. Als ich meine Finger durchzählen soll, zähle ich automatisch die fünf nach der drei auf. Ein Schnipsen und die Zahl ist wieder da.

Ein letztes Mal versetzt er mich in die "Grauzone zwischen Wachsein und Schlafen", wie ich den Zustand im Nachhinein betiteln würde. "Wenn ich bis drei gezählt habe, haben meine Worte keine Macht mehr über dich", sagt er.

Bei drei schlage ich die Augen auf. Tiefenentspannt. Etwas benommen. Und mit einer neuen Erfahrung: Hypnose funktioniert, wenn man sich darauf einlässt.

Quelle: RP
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