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Wilhelm Brunswick
Ich wollte immer nur Bürgermeister sein

Wilhelm Brunswick: Ich wollte immer nur Bürgermeister sein
Wilhelm Brunswick vor dem Alten Rathaus in Moers. Dort war er 22 Jahre lang ehrenamtlicher Bürgermeister der Stadt Moers. FOTO: kdi
Moers. Wilhelm Brunswick wird am Freitag für sein Engagement als Moerser Bürgermeister mit dem Titel Ehrenbürgermeister ausgezeichnet. Im RP-Gespräch erinnert er sich an sein 30 Jahre währendes politisches Wirken in Moers.

Herr Brunswick, Sie werden am Freitag in einer Feierstunde in Moers mit dem Titel Ehrenbürgermeister ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Brunswick Es ist die Anerkennung für 30 Jahre ehrenamtlicher Tätigkeit in der Stadt Moers, im Kreis und im KVR. Ich habe mir für die Feier im Martinstift eine kleine Combo gewünscht, die die Veranstaltung mit Swing untermalt. Das ist meine Musik. Ein Titel steht für mein Engagement sinnbildlich: "Night and Day" von Cole Porter. Ich war als ehrenamtlicher Bürgermeister Tag und Nacht erreichbar. Ich bekam nachts Anrufe, dass irgendwo ein Kanal vollgelaufen oder ein dringend benötigter Pass abgelaufen war. Ich habe immer zu helfen versucht.

Und doch hat es fast 15 Jahre gedauert, bis die Stadt Moers Ihnen diese Auszeichnung angedient hat.

Brunswick Ja, ich habe zuerst überlegt, es wie Marcel Reich-Ranicki bei der Bambi-Verleihung zu halten. Aber ich habe erfahren, dass sich viele in den vergangenen Jahren bemüht haben, diese Auszeichnung möglich zu machen. Es scheiterte an politischen Gründen. Dass jetzt ein gemeinsamer Antrag aller Fraktionen zustande kam, hat mich überrascht. Und das macht mich stolz.

Sie waren 22 Jahre lang ehrenamtlicher Bürgermeister in Moers. Welche Erinnerungen sind Ihnen wichtig?

Brunswick Ich war nach Willi Müller und Albin Neuse der dritte gewählte und letzte ehrenamtliche Bürgermeister in Moers. Es gibt so viele Ereignisse, die mir wichtig waren. Ich denke zum Beispiel an die Schließung der Moerser Schachtanlagen und das Ende von Krupp in Rheinhausen. Davon waren auch viele Moerser betroffen. Wir haben damals unter meinem Vorsitz die Jugendberufshilfe gegründet und in Kooperation mit der IHK und örtlichen Betrieben 500 Jugendliche in eine Ausbildung gebracht, die sonst keine Chance gehabt hätten. Darauf bin ich heute stolz.

Was hat Sie besonders berührt?

Brunswick Das tiefgehendste Erlebnis war für mich die Begegnung mit den Moersern jüdischen Glaubens, die den Zweiten Weltkrieg überlebt hatten. Ich habe in der Nacht vor dem ersten Treffen nicht geschlafen, weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte. Und dann wurde ich so freundlich aufgenommen. Israel ist ein Land voller Widersprüche. Ein Mann nahm zum Beispiel seine Kippa, gab sie mir und sagte: Sie haben dafür zu sorgen, dass so etwas niemals wieder passieren kann. Die Kippa habe ich noch heute. Zu meinem 20-jährigen Dienstjubiläum reiste eine Delegation aus Ramla an. Sie ernannte mich zum Ehrenbürger der Stadt. Ich war der zweite Bürgermeister überhaupt, dem eine solche Ehre zuteil wurde. Die Begründung war mein Solidaritätsbesuch mit der zweiten Lufthansa-Maschine, die nach dem ersten Golfkrieg nach Lod geflogen war.

Sie haben sich aber auch für die Moerser Kultur engagiert.

Brunswick Ich bin nicht der Kulturbeflissenste. Ich habe aber gesehen, wie wichtig dieser Teil im Leben ist. Als Holk Freytag mit der Idee kam, im Schlosskeller ein Theater einzurichten, habe mich überzeugen lassen, beim Aufbau zu helfen. Ich habe Dr. Boschheidgen, den damaligen Vorsitzenden des Museumsvereins, zur Seite genommen und ihn gefragt, ob er dem Juwel Schloss nicht ein weiteres Juwel hinzufügen wolle. Auch für das Moers Festival habe ich mich stark gemacht. 1997, ich war gerade auf Mallorca im Urlaub, als mich die Nachricht erreichte, dass die Verwaltungsspitze nicht den Vertrag mit Burkhard Hennen unterschreiben wollte. Ich habe damals Christoph Melzer von den Grünen ein Fax geschickt, mit der Bitte, eine Sondersitzung des Rates zu beantragen. So konnten wir die Verwaltung mit Mehrheit anweisen, die Verträge zu unterschreiben. Dafür schäme ich mich heute ein bisschen, weil ich in dem Fall nicht genossentreu war. Aber ich habe für mich immer einen inneren Notstand geltend gemacht, weil ich das Festival unbedingt erhalten wollte. Ich hatte leider in dieser Zeit in meiner eigenen Fraktion nicht mehr das Standing.

Wie sind Sie zur Politik gekommen?

Brunswick Ich war schon als junger Bursche ehrenamtlich tätig - im CVJM, als Klassensprecher. Später habe ich die Schwimmabteilung im SV Neukirchen mitbegründet. 1965 erlebte ich dann Adenauer auf einer Wahlkampfveranstaltung in Moers. Dort war auch eine Gruppe junger Aufmüpfiger, die mit Sprechchören ihren Unmut kundtaten. Adenauer hat die Jungs so zusammengefaltet, dass ich schnurstracks ins SPD-Büro ging und fragte: Wie kann man Mitglied der SPD werden? Bald holte mich Jürgen Schmude zu den Jungsozialisten, ein Jahr später war ich deren Vorsitzender. Und 1969 bin ich in den Rat eingezogen. Ich habe die politische Arbeit nie als Karriere-Trittbrett gesehen: Ich wollte immer nur Bürgermeister in Moers sein.

Haben Sie ein politisches Vorbild?

Brunswick Ich habe von Albin Neuse, meinem Vorgänger, viel gelernt. Und es hat gar nicht lange gedauert, da bestand zwischen uns eine Art Vater-Sohn-Verhältnis. Als ich ihm im Amt als ehrenamtlicher Bürgermeister folgte, erklärte er mir: Du kannst mich immer anrufen, aber entscheiden musst Du selbst.

Reizt es Sie denn, aktuelle politische Themen in Moers heute zu kommentieren?

Brunswick Manchmal schon. Aber ich habe mir 1999 geschworen, zu den Geschehnissen in der Stadt keine Stellung zu beziehen. Das sieht nach Besserwisserei aus. Und jeder muss seine eigenen Fehler machen.

ANJA KATZKE FÜHRTE DAS INTERVIEW.

Quelle: RP
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