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Moers
In Hüschs Tradition

Moers. Im Moerser Bollwerk gastierte der Kabarettist Matthias Reuter - und erinnerte nicht selten an einen berühmten Moerser.

Matthias Reuter nennt sein aktuelles Programm "Auswärts denken mit Getränken." Der 40-jährige Oberhausener spielt es überwiegend zu Hause, sprich in Duisburg oder Oberhausen, Moers oder Essen. Immer wieder blickt der Kabarettist und Klavierspieler aber über diesen Horizont hinaus, um das Wesen der Deutschen satirisch-liebevoll zu beschreiben. Dazu stellt er sich in die Kabarett-Tradition der 1920er Jahre, wenn er den Wiener Karl Kraus zitiert, wie am Mittwochabend im Moerser Bollwerk, in das er vom Freundeskreis Hanns Dieter Hüsch eingeladen worden war: "Die Gedankenfreiheit haben wir. Jetzt brauchen wir nur noch Gedanken."

Diese Gedanken macht sich der Magister für Deutsch und Philosophie, der seine Examensarbeit über das Kabarett der 1920er in Deutschland schrieb, beispielsweise wenn er das skurrile Europaspiel im Kindergarten vorstellt, das Paul und August, Emma und Sophie so gerne spielen. Dabei schlüpfen sie in die Rollen der EU-Politiker, um sich gegenseitig zu kratzen, zu beißen und zu hauen, während der Mikrokosmos und der Makrokosmos eins zu werden scheinen. Er beschreibt mit einem Augenzwinkern das deutsche Ehepaar Gerd und Rolf Kellerspiegel, hinter deren Garten eine Unterkunft für Asylbewerber entsteht. Weil sie Angst haben, verbarrikadieren sie sich in ihrem Reihenhaus, haben nur noch mit Überwachungskameras, Pizzaboten und Amazon-Kurieren Kontakt zur Außenwelt. Sie haben mit anzusehen, wie Syrer einziehen, die in Lederhosen herumlaufen, Maultaschen mit Spätzle zubereiten und bei einem Fest "Muss I denn zum Städtele hinaus" singen, um so deutscher als die Deutschen zu werden. Für sie bricht die Gedankenwelt vollständig zusammen, als Yasin Wolfgang von diesem Fest herüberkommt, an ihrer Haustür klingelt, um ihnen in Lederhosen Maultauschen mit Spätzle zu bringen, damit sie wieder einmal richtig gut essen können und nicht Pizza oder Fastfood in sich hineinstopfen müssen. Diese Geschichte ist für viele Kritiker die beste im Programm von Matthias Reuter, der im Deutschlandfunk und bei WDR 5 schon mehrfach auf Welle war, aber im Fernsehen noch keinen Durchbruch feiern konnte, vielleicht weil er sich einfach zu hintersinnig Gedanken macht und nicht auf Klamauk setzt. So gesehen, steht er Hanns Dieter Hüsch nahe. Von dem Moerser Kabarettisten trug Reuter mehrere Stücke vor, zum Beispiel das satirische Lied "Schluss gemacht", bei dem der Wechsel der Lebenspartner während der Midlifecrisis im Mittelpunkt steht.

Nicht nur dafür erntete er begeisterten Applaus von den Zuhörern, von den Hans Meyer-Stoll als Vorsitzender des Hüsch-Freundeskreises allerdings nur 40 begrüßen konnte. Dabei hätte der "Junge, der wirklich was auf dem Kasten hat", wie Ehrenbürgermeister Willhelm Brunswick meinte, mehr Zuspruch verdient gehabt.

PETER GOTTSCHLICH

Quelle: RP
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