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Serie: Die Zukunft Der Flüchtlinge
"Integration braucht Professionalität"

Serie: Die Zukunft Der Flüchtlinge: "Integration braucht Professionalität"
Amar Azzoug vom "Bunten Tisch" ist überzeugt, dass die erste Phase der Willkommenskultur gut gestaltet worden ist. FOTO: Arnulf Stoffel
Moers. Genau vor einem Jahr mussten Mitarbeiter der Stadt und Ehrenamtler praktisch über Nacht die Achterrathsfeldschule in Kapellen als Notaufnahmelager für Asylbewerber herrichten. Ein Gespräch mit Amar Azzoug vom "Bunten Tisch".

Hätten Sie vor einem Jahr mit einer derartigen Dynamik beim Zustrom von Flüchtlingen gerechnet, wie sie sich ab Juli in den darauf folgenden Monaten entwickelte?

Azzoug Es war ab Sommer 2014 damit zu rechnen, dass die Zahlen ansteigen werden. Aber in dieser Ballung hat das alle überrascht.

Wie war die Lage an jenem Abend, als der erste Bus in der Landesnotunterkunft in Kapellen eintraf?

Azzoug Die Leute hatten den ganzen Tag auf die Ankunft gewartet. Das waren nicht nur Mitarbeiter der Stadt und von Hilfsorganisationen, sondern auch viele ganz normale Menschen. Die Hilfsbereitschaft war enorm.

Das hat ja dann auch in den darauffolgenden Monaten zumindest in Moers angehalten. Hat das irgendwann einmal nachgelassen?

Azzoug Da gab es sicher einen Knick. Meiner Erinnerung nach muss das so im Januar, Februar gewesen sein.

Hing das mit den Ereignissen auf der Kölner Domplatte zusammen, als viele Frauen von Flüchtlingen attackiert wurden?

Azzoug Das kann ich nicht ausschließen. Ich halte aber eine andere Erklärung für plausibler.

Nämlich?

Azzoug Alle Beteiligten hatten bis Ende Dezember Tag und Nacht fast pausenlos gearbeitet, die Wochenenden eingeschlossen. Da ruft dann irgendwann der Alltag wieder.

Welche Auswirkungen hatte das auf die Arbeit des "Bunten Tisches"?

Azzoug Keine große. Als Koordinierungsstelle konnten wir ja die vielen Angebote von Menschen, die helfen wollten, gar nicht alle berücksichtigen. Zum andern sanken fast zum gleichen Zeitpunkt die Zahlen der Neuankömmlinge deutlich. So bekamen wir eine Verschnaufpause, die bitter nötig war.

Pause bedeutet ja, dass es jetzt weitergeht.

Azzoug Das ist auch so. Die erste Phase der Willkommenskultur haben wir in Moers gut gestaltet. Doch jetzt beginnt die eigentliche Arbeit der Integration. Dabei müssen wir darauf achten, dass wir die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen.

Worin sehen Sie die?

Azzoug Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch hat einmal gesagt: "Wir haben Arbeitskräfte gerufen, und es sind Menschen gekommen." Ähnlich ist es jetzt mit den Flüchtlingen. Das sind die Migranten von morgen.

Sie rechnen also damit, dass die meisten hier dann auch bleiben werden?

Azzoug Das wird auch so sein.

Aber viele Flüchtlinge sagen, dass sie so schnell wie möglich wieder in die Heimat zurückkehren wollen, wenn sich die Lage dort gebessert hat.

Azzoug Das höre ich nun schon seit vielen Jahren. Natürlich treibt viele Menschen zunächst die Sehnsucht nach ihrer Heimat. Aber wenn sie dann hier Arbeit finden und die Kinder in die Schule kommen, holt die Realität sie ein.

Was folgt für Sie aus dieser Erkenntnis?

Azzoug Wir müssen in der Integrationsarbeit professioneller werden und viel genauer auf die unterschiedlichen Bedürfnislagen der Menschen eingehen, die hier sind. Zum Beispiel dürfen wir nicht vergessen, dass viele Flüchtlinge, die hierher gekommen sind, unter schweren Traumata leiden. Alleinreisende Minderjährige werden ja sehr intensiv betreut. Aber was ist mit den 18- bis 25-Jährigen, die Grausamkeiten in ihrer Heimat nicht verkraftet haben? Für die gibt es kaum Therapieplätze. Dass man sich um solche Menschen aber kümmern muss, zeigen nicht zuletzt die Anschläge von Würzburg und Ansbach. Mit dem IS hat das fast nichts zu tun.

Sie wollen aber doch wohl nicht sagen, dass die überwiegende Anzahl der Flüchtlinge in Deutschland psychisch gestört ist?

Azzoug Natürlich nicht. Aber wir müssen uns darüber klar werden, dass wir es mit vielen völlig unterschiedlichen Menschen zu tun haben. Entsprechend differenziert müssen wir an die Probleme herangehen.

Was hat dabei Priorität?

Azzoug Die muss ganz klar bei der Bildung liegen. Und damit meine ich nicht nur Schul-, sondern auch gesellschaftliche und politische Bildung. So arbeiten wir zum Beispiel im Rahmen unseres Projekts "Kompass" an Kursen, in denen Flüchtlingen gezeigt wird, wie man in Deutschland lebt. Oder wir wollen das Grundgesetz in einer Anzahl verschiedener Sprachen anbieten. Ein Richter aus Syrien hat uns bereits die ersten 20 Artikel ins Arabische übersetzt. In jedem Land herrschen doch andere Sitten und Rechtsvorschriften. Wie sollen das die Neuankömmlinge wissen? Man muss einfach verhindern, dass aus kleinen Probleme große werden.

Gibt es nicht bereit sehr viele Hilfsangebote?

Azzoug Zum Teil mag das so sein. Aber die Frage ist ja, was davon wirklich zielführend ist. Wir müssen auch auf die Selbstständigkeit der Menschen setzen. Die meisten haben ja schon Initiative gezeigt, indem sie durch Wüsten und über Ozeane zu uns gekommen sind. Wir dürfen die Eigenverantwortung nicht wohlwollend paternalistisch mit Hilfsangeboten ersticken. Unsere Integrationsarbeit muss professioneller werden.

Wie stellen Sie sich das vor?

Azzoug Ein konkretes Beispiel: An der Akademie Bethanien gibt es Kurse für Flüchtlinge in medizinischen Berufen. Es ist nicht möglich, von einer staatlichen Stelle Gelder für Sprachkurse zu bekommen, die die besonderen Bedürfnisse dieser Gruppe berücksichtigen.

Man hört auch häufig Klagen von Sprachlehrern und Flüchtlingen.

Azzoug Das kann ich nur bestätigen. Die Kurse sind oft extrem heterogen zusammengesetzt. Während einige schnelle Fortschritte machen, fragt man sich bei anderen, was sie in den vergangenen sechs Monaten eigentlich gelernt haben.

Die Konsequenz?

Azzoug Der "Bunte Tisch" hat zum Beispiel damit begonnen, seine Sprachmittler zu qualifizieren.

JÜRGEN STOCK FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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