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Günter Bode Und Guido Lohmann
"Jobgarantie" für junge Handwerker

Günter Bode Und Guido Lohmann: "Jobgarantie" für junge Handwerker
Kreishandwerksmeister Günter Bode (l.) und der Vorstandsvorsitzende der Volksbank Niederrhein, Guido Lohmann, in der Redaktion der Rheinischen Post. FOTO: Fischer
Moers. Unter dem Titel "Handwerk 4.0" wird die Rheinische Post mit der Volksbank Niederrhein Unternehmen aus der Region vorstellen.

Moers/Alpen Mittelstand und Handwerk sind die tragenden Säulen der deutschen Volkswirtschaft - natürlich auch in unserer Region. Und bundesweite Trends und Probleme sind auch am Niederrhein spürbar. Wo steht das Handwerk am Niederrhein zwischen Tradition und Digitalisierung; wo gibt es Probleme? Unter dem Titel "Handwerk 4.0" will die Rheinische Post mit Unterstützung der Volksbank Niederrhein in den kommenden Wochen Betriebe vorstellen, ihre Antworten auf die neuen Herausforderungen beschreiben sowie auf die vielseitigen Berufsbilder und die Ausbildungsmöglichkeiten und Karrierechancen im Handwerk hinweisen. Zum Auftakt sprachen wir mit Kreishandwerksmeister Günter Bode und dem Vorstandsvorsitzenden der Volksbank Niederrhein, Guido Lohmann.

Herr Bode, Sie selbst führen einen traditionsreichen Familienbetrieb. Was hat sich an den Anforderungen geändert? Für uns Laien sieht es ja so aus, als ob ein Maler immer noch das Gleiche macht wie vor 80 oder 50 Jahren?

Günter Bode Ja, die eigentliche Arbeit ist am Ende immer noch gleich. Aber vieles ist eben auch anders. Die Anforderungen durch die Wünsche der Kunden, aber auch den Umweltschutz, haben sich erheblich verändert.

FOTO: Armin Fischer

Ein Beispiel?

Bode Heute arbeiten wir mit Acryllacken, früher waren es lösungsmittelhaltige Lacke. Das erfordert eine ganz andere Verarbeitung. Und im Regelfall bleibt eine "Apfelsinenhaut". Das muss der Kunde verstehen, das müssen wir kommunizieren.

Wie entwickelt sich die Situation bei Bewerbungen für Lehrstellen im Handwerk?

Bode Bei uns im Kreis Wesel ist die Lage noch in Ordnung. Aber auch wir spüren den Trend, dass es immer weniger Bewerber gibt. Es fing eben mit dem Wegfall der Hauptschulen an. Die Abgänger waren unsere Klientel. Wer von der Gesamtschule kommt, ist dagegen schon auf dem Weg Richtung Akademisierung. Da gibt es dann noch genug Interessenten für sehr technische Berufe wie etwa in den Kfz-Werkstätten, aber was wir ja machen, ist am Ende, auch wenn es technische Hilfsmittel gibt, noch echtes Handwerk, also manuelle Arbeit.

Herr Lohmann, Sie haben viele Kunden aus dem Handwerk. Was kommt bei ihnen an, wo drücken die Probleme?

Guido Lohmann Die Auftragslage im Handwerk ist gut, im Moment sogar sehr gut. Aber wenn wir nach vorn blicken, wissen alle, dass es immer schwerer wird, Menschen, gerade auch gut qualifizierte, für Berufe im Handwerk zu begeistern.

Und daher rührt auch die Idee, gemeinsam mit unserer Redaktion hinter die Kulissen zu blicken und mehrere Handwerksberufe in der Region vorzustellen?

Lohmann Genau. Wir sind der Partner fürs Handwerk und wollen auf diesem Weg helfen, unseren Kunden Perspektiven für die Zukunft zu bieten. Das ist letztendlich auch eine gesellschaftliche Aufgabe. Denn wenn es immer weniger Handwerker gibt, wird es am Ende für viele unbezahlbar, einen Betrieb zu beauftragen. Das ist nämlich die Folge am Ende der Kette. Zudem nimmt der Akademisierungsdrang weiter zu. 60 Prozent eines Jahrgangs machen Abitur, die meisten wollen studieren. Diese Tendenz bricht nicht ab, weil von der Politik immer noch suggeriert wird, nur der akademische Abschluss sei der Königsweg.

Bode Statt drei Wochen drei Monate auf den Handwerker warten, das darf es doch wirklich nicht geben. Aber man darf nicht vergessen, dass wir in unseren Belegschaften eine totale Überalterung haben. Die Engpässe werden kommen.

Lohmann Gerade deshalb müssen Sie jetzt viele junge Leute ausbilden. Und auch, wenn bei uns in der Region die Situation noch entspannt ist: Es gibt schon Gebiete, etwa in ostdeutschen Bundesländern, in denen reihenweise Lehrstellen unbesetzt bleiben.

Bode Das liegt natürlich auch daran, dass viele Jugendliche in ihrem Umfeld bleiben und arbeiten wollen und es an Mobilität mangelt.

Blicken wir aufs Geld. Wie stehen die Mitarbeiter im Handwerk da?

Bode Wer gute Arbeit leistet, kann gut verdienen. Ganz ehrlich: Wir zahlen teilweise Spitzenlöhne.

Lohmann Dazu kommt: Ein ausgebildeter Handwerker findet immer Arbeit. Das gilt für einen studierten Juristen oder BWLer keineswegs. Ein Meister im Handwerk liegt mit seinem Verdienst oft deutlich über dem Niveau von Akademikern. Es stimmt eben nicht, dass die akaemische Ausbildung ein hohes Einkommen garantiert.

Bode Ich sage bei Lossprechungsfeiern gern, dass die jungen Leute nun mit ihrem Gesellenbrief auch eine Jobgarantie haben.

Und auch Handwerk und Studium lassen sich verbinden.

Bode Es gibt zum Beispiel ein triales Studium. Man fängt mit der Lehre an, nach fünf Jahren ist man nicht nur Meister, sondern auch Bachelor. Das ist aber auch, muss man ehrlicherweise sagen, dann sehr intensiv.

Karrierechancen bieten sich auch durch den Schritt in die Selbstständigkeit oder die Übernahme eines Betriebs.

Bode Ganz genau. Ich führe unseren Betrieb in der dritten Generation. Doch meine Tochter wird ihn nicht übernehmen, meine Mitarbeiter wollen leider auch nicht. Also ist irgendwann Schluss. Und das ist nur ein Beispiel. Wir verlieren in den Innungen immer wieder Mitglieder, nicht weil es Konkurse gibt, sondern weil es nach altersbedingtem Ausscheiden keine Nachfolger gibt. Hier gibt es für mutige Menschen große Chancen. Man kann aber auch, um in meiner Branche zu bleiben, am ende Lackingenieur werden oder in die Industrie wechseln.

Lohmann Im Endeffekt fehlt in der Öffentlichkeit ein gutes Image für das Handwerk. Es ist doch höchst ungerecht, dass man für die Meisterschule bezahlen muss, das Studium aber kostenlos ist. Die Politik muss sich endlich entschlossen für das Handwerk einsetzen. BODE Es gibt ja zumindest einige gute Signale von der neuen Landesregierung.

DIRK MÖWIUS FÜHRTE DAS INTERVIEW.

Quelle: RP
 
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