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Moers
Jugendliche entdecken Spaß am Theater

Moers. Thema des Improvisations-Marathons im Studio des Schlosstheaters waren die Ängste von Personen und Gesellschaften vor Aggressivität. Behinderte und Nichtbehinderte standen gemeinsam auf der Bühne. Von Peter Gottschlich

"Das Sofa ist nicht zum Sitzen da", behauptet ein junger Schauspieler, selbst wenn darauf gerade ein Junge und ein Mädchen Platz genommen haben. "Es ist ein Ausstellungsstück. Das stellen sich Reiche in ihre Wohnung, um es anderen zeigen zu können, wie ein Bild in einem Museum." Die beiden auf der Couch schauen sich verwundert an. Dann rufen drei Zuschauer "Stopp." Die Schauspieler erstarren zu Standbildern. Die Zuschauer kommen ins Rampenlicht. Sie richten sich genau wie diese Standbilder aus, um dann zu übernehmen und weiterzuspielen. Die einstigen Schauspieler verwandeln sich zurück in Zuschauer.

Genauso wie die Schauspieler verwandeln sich Personen, wenn sie nach ihren Persönlichkeiten suchen. Sie können dann "Freie Radikale" sein, wie der Titel des Improvisations-Theater-Marathons im Studio des Schlosstheaters Moers am Samstag lautete. "Freie Radikale ist ein Begriff aus der Chemie", erläuterte Theaterpädagoge Holger Runge. "Sie können Aggression und Angst erzeugen. Die Frage ist, wie andere und die Gesellschaft mit Aggression und Angst umgehen. Als wir das Thema gewählt haben, wussten wir nicht, wie aktuell es mit dem Anschlag in Paris werden würde."

Freie Radikale können aber auch für Lebendigkeit und Lacher zeigen, wenn sie frühzeitig abgefangen werden, wie das Impro-Theater zeigte. Zum Beispiel wurde in der Darstellung einer surrealen Praxis nur auf natürliche Materialien zurückgegriffen. So erzählte der Arzt einer Patientin, wie ein Fischreiher mit seinem Schnabel ihr rechtes Bein abpicken solle, um es dann von anderen Tier behandeln zu lassen. "Von welchem, weiß ich jetzt auch noch nicht", meinte der Arzt, als er die Figur des Fischreihers in der Hand hielt. Oder ein Werbefachmann pries die Vorzüge einer Barbiepuppe an: "Das Besondere an dieser Barbie ist, dass sie nichts Besonderes hat."

Fischreiher und Barbie hatten die Zuschauer und Mitspieler im Gepäck, wie weitere Dinge, etwa Schnorchel, Nudelholz oder Silberlöffel. "Sie sollten neben skurrilen Gegenständen skurrile Geschichten mitbringen", sagte Marcel Wald, der das Impro-Theater zusammen mit Dirk Dijksma organisierte, begleitet von Holger Runge. "Am Montag gab es eine Vorbesprechung mit sechs Jugendlichen."

An den skurrilen Gegenständen rieben sich die "Freien Radikalen". "Jeder kann mitspielen", stellte Regisseur Marcel Wald klar, der sonst als Sozialarbeiter in einer Behindertenwerkstatt der Caritas arbeitet. "Wir zwingen aber niemanden." Am Samstag war die Schwelle, selbst für einige Minuten im Rampenlicht zu stehen, niedrig. So spielten auch die meisten der 60 Zuschauer kurz mit, von denen die Hälfte zwischen zwölf und 18 Jahren war. Darunter waren acht Behinderte, die bei diesem humorvollen Impro-Theater gar nicht besonders von den anderen bemerkt wurden.

"Die Jugendlichen sollen ihre eigenen Stärken erkennen", blickte Sonderpädagoge Dik Dijksma auf das Ziel des Theaterprojektes. "Sie sollen Lust bekommen, ins Theater zu gehen und Theater zu spielen." Das können sie das nächste Mal im Frühjahr 2016 machen, für den das nächste Impro-Theater geplant ist.

Quelle: RP
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