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Moers
Jugendliche lernen das Beatboxen

Moers: Jugendliche lernen das Beatboxen
Mohammed, Aref, Becker Schmitz, Carlos Howard und Nabo (v.l.n.r.) beim Beatboxen. FOTO: Klaus Dieker
Moers. Die Künstler Carlos Howard und Becker Schmitz haben mit elf jugendlichen Flüchtlingen intensiv den Geräusche-Sprech-Sing-Rhythmus geübt. Beim Graffiti-Exkurs wurden die Sprachkenntnisse bei den jungen Menschen verbessert. Von Jana Marquardt

Obwohl die Blicke der Zuschauer auf ihn gerichtet sind, bleibt Bahri (16) entspannt: Am letzten Abend der Sommerferien steht er auf der Terrasse der Bollwerk-Kneipe, in der Hand ein Mikrofon. Kurz atmet er durch, hält sich das Mikro nah an den Mund und während er beginnt, seine Lippen scheinbar unkontrolliert zu bewegen, ertönt eine rhythmische, schnelle Melodie aus den Lautsprechern. Sie erinnert an den Song "Yeah" des Hip-Hop-Künstlers Usher aus den USA. Dann ein neuer Beat. "Ein Hip-Hop-Viervierteltakt", sagt Beatbox-Künstler Carlos Howard aus Moers, der mit seinem Kollegen Becker Schmitz und den anderen Jungen auf einer Bierbank sitzt, und im Takt mit wippt. "Der Junge hat es echt drauf."

Tatsächlich nutzt Bahri bei seinem Auftritt kein Instrument, keine Töne vom Band: Er erzeugt die Percussionklänge mit seinem Lippen und seiner Zunge - er beatboxt. "Das erfordert Koordination mit der Atmung, die rechte und linke Gehirnhälfte werden beansprucht und es fördert die Ausdauer", erklärt Howard, der sich vor fünfzehn Jahren das Beatboxen selbst beibrachte.

Nun hat er elf Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren an vier Tagen in den Sommerferien diese Kunstform bei einem kostenfreien Workshop nähergebracht. Sein Kollege Becker Schmitz, Bildender Künstler aus Moers, sorgte dabei für künstlerische Abwechslung: Die Jugendlichen durften einen Seecontainer auf dem Bollwerk-Gelände mit Graffiti verschönern. "3k Labor - Lag Bollwerk" prangt jetzt in grünen, roten, lilafarbenen, blauen und pinkfarbenen, mit Punkten verzierten Buchstaben auf der rechteckigen Containerwand. "3k steht für Klang, Kultur und Kunst", erklärt Schmitz die Aufschrift, "und Lag bedeutet Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultureller Zentren NRW - die hat uns finanziell unterstützt."

Für die Jugendlichen war das Graffiti-Sprühen eine Herausforderung, schließlich sind nicht alle mit lateinischen Buchstaben vertraut. Bis vor zwei Jahren lebten sie in Syrien, Afghanistan, Guinea oder Mali, sind aus ihren Heimatländern geflüchtet. Aref aus Syrien fungiert deshalb während des Workshops als Dolmetscher. Der 14-Jährige spricht seine Muttersprache Kurdisch sowie Arabisch fließend, Türkisch versteht er und sein Deutsch ist beinahe fehlerfrei. Dabei kam er erst vor einem Jahr und elf Monaten nach Deutschland, die Mutter, sein Bruder Bahri und drei weitere Geschwister kamen neun Monate später nach. "Ich habe viel mit deutschen Kindern gemacht, gespielt. So lernte ich schnell", sagt Aref. Manchmal fehlt ihm ein Wort oder er kann einen Vorgang nicht erklären, doch dann fragt er nach. "Aref ist ein cleverer Junge mit großem sprachlichem Talent", sagt Schmitz und klopft seinem Schützling auf die Schulter. Aref lächelt.

Wer welche Sprache spricht - das tritt während des Beatboxens aber in den Hintergrund. "Beatboxen ist unabhängig von Sprache. Und bei diesem Workshop sind viele Kulturen aufeinander getroffen. Das hat super funktioniert", lobt Howard. "Wir hätten uns gewünscht, dass der Workshop auch bei deutschen Jugendlichen Anklang findet. Leider konnten wir von ihnen niemanden erreichen."

Bahri, sein Bruder Aref und die anderen Jungen wollen in jedem Fall weiter Beatboxen. Sie freuen sich, ein Hobby gefunden zu haben, das ganz ohne Kosten und Materialien auskommt. "Bahri übt jeden Tag zu Hause, stundenlang", erzählt Aref. Bahri nickt und schnappt sich erneut das Mikrofon. Die Töne, die er nun formt, sind höher, klingen wie das rhythmische Hin- und Herbewegen einer Schallplatte bei aufgelegter Nadel. Howard beginnt zu rappen, darüber, wie viel Spaß der Workshop bereitet hat, Schmitz steigt ein. Aref und Mohammed (13) heben die Hände zum Beat. Es dämmert. Der Freestyle endet, als die Straßenlaternen angehen und die Jungen nach Hause müssen.

Quelle: RP
 
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