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Ferien-Freizeit auf Ameland
Kirche schickt Kind aus Moers wegen HIV-Infektion heim

Ferien-Freizeit auf Ameland: Kirche schickt Kind aus Moers wegen HIV-Infektion heim
Wegen seiner HIV-Erkrankung wurde ein Zehnjähriger aus Moers von einer Kinderfreizeit auf Ameland nach Hause geschickt. (Symbolbild) FOTO: dpa, pla
Moers. Ein Zehnjähriger aus Moers ist an HIV erkrankt, ist aber nicht ansteckend. Trotzdem mussten er und sein Bruder im Juni letzten Jahres eine Kirchen-Freizeit auf Ameland deswegen verlassen. Die Eltern klagen nun auf Schmerzensgeld.  Von Christian Schwerdtfeger

Die Reise nach Ameland stand seit Monaten fest. Svenja T. (31) hatte ihre Söhne Marcel (10) und Tommy* (8) für die zweiwöchige Ferienfreizeit auf der Nordseeinsel bei der katholischen Kirchengemeinde St. Martinus in Moers angemeldet. Sie bezahlte dafür rund 800 Euro. Die Mutter hatte sich gefreut, dass alles geklappt hatte.

Denn Marcel, den sie adoptiert hat, leidet seit seiner Geburt an HIV. Darauf habe sie bei der Anmeldung in der Pfarrgemeinde auch hingewiesen. "Ich habe den Anmeldungsbogen ausgefüllt und deutlich gesagt, dass mein Sohn Medikamente nehmen muss wegen seiner Krankheit", sagt T.

Zusätzlich gab sie ihrem Sohn eine Unbedenklichkeitsbescheinigung des behandelnden Kinderarztes mit. Darin habe gestanden, dass ihr Sohn nicht ansteckend sei. "Die Leiterin sagte mir, dass alles in Ordnung sei. Und es keine Probleme gebe", betont T.

Svenja T. im Gespräch mit Dietmar Heyde von der Aids-Hilfe Duisburg/Kreis Wesel. FOTO: Christoph Reichwein

Probleme traten dann aber doch auf - aber erst auf Ameland. Denn am zweiten Tag der Ferienzeit bekamen die Betreuer dann offenbar plötzlich Bedenken wegen der Krankheit des Kindes und entschieden, Marcel mit seinem jüngeren Bruder zurück nach Moers zu bringen.

Svenja T. erfuhr am Telefon in der Türkei davon. Sie machte dort Urlaub mit ihrem Mann, weil sie annahm, ihre Kinder in guten Händen zu haben. Deswegen mussten die Schwiegereltern die beiden Jungs mitten in der Nacht in Moers in Empfang nehmen. "In einer Nacht- und Nebelaktion wurden sie von der Insel gebracht. Sie haben schrecklich geweint, als ihr Großvater sie abgeholt hat. Wie soll man Kindern so etwas auch erklären?", fragt T.

Sie hatte noch am Telefon versucht, die Leiterin umzustimmen und noch einmal darauf hingewiesen, dass ihr Adoptivsohn nicht ansteckend sei. "Sein Arzt war nicht zu erreichen, weil Sonntag war. Und bis zum nächsten Morgen wollte die Lagerleitung nicht warten", sagt T.

Duisburger Aids-Hilfe macht Fall öffentlich

Der Vorfall fand bereits im Juni 2015 statt. Er kam aber erst jetzt durch die Duisburger Aids-Hilfe an die Öffentlichkeit. Der Geschäftsführer des Verbandes, Dietmar Heyde, verurteilte das Verhalten der Kirchengemeinde und bezeichnete die Entscheidung als katastrophal. Das sei Diskriminierung von HIV-positiven Menschen, so Heyde. Svenja T. hatte sich an die Aidshilfe gewandt, weil sie nicht mehr weiterwusste. "Es gab kein Wort der Entschuldigung. Und auch mein Geld habe ich bis heute nicht zurückbekommen", sagt sie.

Die Kirchengemeinde wollte sich bislang nicht zu den Vorwürfen äußern, weil der Pfarrer noch bis Sonntag in Rom sei. Auch das zuständige Bistum in Münster wollte keine Stellungnahme abgeben.

Aus dem Schriftverkehr zwischen Heyde und Vertretern der Moerser Kirchengemeinde, der unserer Redaktion vorliegt, geht hervor, dass der Pfarrer die Schuld bei der Mutter sieht. Sie habe, so schreibt der Geistliche, auf telefonische Nachfrage nicht offen über die Infektion ihres Sohnes gesprochen. Ein klares Wort von ihr hätte die Probleme nicht aufkommen lassen, meint er. Die Betreuer hätten alles unternommen, um zu einer verantwortbaren Entscheidung zu kommen - auch im Hinblick auf die anderen Teilnehmer des Ferienlagers.

Die Aufsicht sei bemüht gewesen, in dieser nicht einfachen Situation zu einer guten Lösung für alle zu kommen. Aber fehlende Informationen hätten Bedingungen geschaffen, die die Entscheidung des Teams nachvollziehbar gemacht hätten.

"Die Kinder sollten nur schöne Ferien haben"

Demnach fehlten den Betreuern vor allem Informationen über die Medikamente, die der Junge einnehmen musste. Da keine Beipackzettel über Nebenwirkungen vorhanden gewesen seien, hätten die Aufseher auch nicht gewusst, wie genau der Junge seine Medikamente einnehmen musste. Daraufhin habe sich die Leitung mit der anwesenden Kinderkrankenschwester und Ärztin unterhalten.

Beide hätten keine eindeutigen Informationen über die Medikamente geben können. Im Internet las die Leitung, dass die Medikamente für eine HIV-Infektion seien. Die Unbedenklichkeitserklärung des Arztes hätte nicht alle Fragen klären können, heißt es in einem Schreiben.

Svenja T. stimmt das traurig. Sie kämpft nun um Schmerzensgeld vor Gericht. "Die Kinder leiden bis heute unter dem Fall. Dabei sollten sie nur schöne Ferien haben", sagt sie. * Namen der Familie geändert.

Quelle: RP
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