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Moers
Knast-Opas als Stütze für junge Häftlinge

Moers: Knast-Opas als Stütze für junge Häftlinge
JVA-Leiterin Brigitte Kerzl-Steinkellner (2. v. l.) führt Besucher durch das Hafthaus, in dem ältere und jüngeren Gefangene gemeinsam wohnen. FOTO: ock
Moers. Im offenen Kapellener Justizvollzug erproben Brigitte Kerzl-Steinkellner und ihr Mitarbeiterteam ein Modellprojekt zur Generationen überschreitenden Unterbringung von sehr jungen und sehr alten Gefangenen. Von Jürgen Stock

Die Lebensgeschichten von Christian und Günter könnten unterschiedlicher nicht sein. Der eine hat mit 25 eine Karriere als Drogenabhängiger und Kleinkrimineller hinter sich, der andere hat 43 seiner 65 Jahre im Erwerbsleben seinen Mann gestanden. In der offenen Moerser Justizvollzugsanstalt kreuzen sich ihre Wege, nachdem ein Gericht beide zu einer Freiheitstrafe verurteilt hat: den 25-Jährigen als Wiederholungstäter wegen diverser Drogen und Eigentumsdelikten, den 65-Jährigen wegen Steuerhinterziehung. Seit kurzem sind beide Teil eines bundesweit einzigartigen Projekts: Sie leben gemeinsam in einem Mehrgenerationen-Hafthaus.

Zur Vorstellung des Modells, das Anstaltsleiterin Brigitte Kerzl-Steinkellner und ihr Team gestern Vorstellten, sind Vollzugsexperten aus dem gesamten Bundesgebiet angereist. Eine Studie zum demographischen Wandel in deutschen Gefäängnissen habe von zwei Jahren den Anstoß zu dem Projekt gegeben, berichtet die Anstaltsleiterin: "Auch bei uns sind doppelt so viel ältere Häftlinge wie noch vor wenigen Jahren", sagt Kerzl-Steinkellner. Momentan seien 30 von 362 Gefangenen älter als 55 Jahre. Der älteste von ihnen ist 86.

Parallel zu dieser Entwicklung haben die Mitarbeiter der Moerser JVA aber noch einen zweiten Trend festgestellt. Viele der jungen Täter kommen in einem stark verwahrlosten Zustand in den Vollzug. Zahlreiche junge Erwachsene befänden sich von ihrer geistigen und sozialen Entwicklung her noch auf dem Stand von Jugendlichen. Entsprechend intensiv ist das therapeutische Angebot in der Moerser JVA mit Arbeitsangeboten, die im Zuge des generationenüberschreitenden Projekts noch einmal erweitert wurden

Eines der Hafthäuser wurde innen komplett neugestaltet. Dort leben nun zehn über 55-Jährige mit 48 Häftlingen im Alter zwischen 21 und 29 Jahren zusammen. Die Atmosphäre dort ähnelt eher einer modernen Jugendherberge als einem Gefängnis. Innenarchitektin Anja Schmidt hat durch die Wahl von Farb- und Lichteffekten eine wohnliche Umgebung geschaffen. Dabei wurde besonders Wert darauf gelegt, die Flure als Begegnungsräume zu nutzen.

Die zehn hier untergebrachten Senioren haben je zu zweit eigene Zimmer. Dort sind die Betten höher als in den übrigen Räumen. In den Duschen befinden sich Sitzmöglichkeiten und zusätzliche Haltegriffe.

Schmuckstück des Hauses ist das so genannte Kaminzimmer. Dort prasselt zwar nur ein gemaltes Feuer, den Kaminsims haben die Häftlinge aber schon recht realitätsnah hinbekommen. Die Baumstämme als Hocker dagegen sind echt. Während der Europameisterschaft haben sich hier viele Bewohner des Hauses versammelt, um von den schweren Ledersofas aus die Spiele im Fernsehen zu verfolgen.

Als die Besucher die Räume besichtigen, ist Christian gerade damit beschäftigt, Paprika für eine Pizza zu hacken. Da alle Häftlinge hier nur kurzzeitige Haftstrafen abbüßen oder bald auf ein Leben in Freiheit vorbereitet werden sollen, gehört auch ein Kochkurs zum Programm. Ziel: Mit einem Tagessatz von 1,80 Euro ein gesundes Essen selbst kochen. "Von der Lebenserfahrung der Älteren können wir nur lernen", sagt Christian und legt das Küchenmesser aus der Hand. "Ich habe ja noch nie richtig gearbeitet, da ist es schon interessant, was Günter so aus dem Berufsleben erzählt. Offenbar wirkt sich der Einfluss der Älteren positiv auf das Zusammenleben aus: "Es ist ruhiger hier als in den anderen Häusern", meint etwa Benni (29).

Auch die Senioren äußern sich positiv über das neue Konzept Günter: "Hier gibt es auch für 77-Jährige noch eine Aufgabe."

Quelle: RP
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