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Moers
Leonce und Lena im digitalen Zeitalter

Moers. Am 9. April hat Georg Büchners Bühnenklassiker Premiere im Schlosstheater. Gastregisseur Björn Dellmann überträgt Büchners beißende Gesellschaftskritik aus dem 19. Jahrhundert ins Heute. Von Josef Pogorzalek

Die letzte Schlosstheater Premiere der Spielzeit fügt sich gut ins Spielzeit-Motto "Freie Radikale": Es handelt sich um "Leonce und Lena", 1836 vom hessischen Revolutionär ("Friede den Hütten! Krieg den Palästen!") und Dichter Georg Büchner geschrieben: Prinz Leonce soll die ihm unbekannte Prinzessin Lena heiraten, will aber nicht, flieht nach Italien, verliebt sich in eine anonyme Schönheit. Nach einer Reihe von Wirrnissen kommt es zur Heirat mit der Schönen - bei der es sich, wie sich herausstellt, um die ebenfalls vor einer Zwangsheirat geflohene Lena handelt.

Der äußeren Form schrieb Büchner eine Komödie, der damals 22-jährige (der nur ein Jahr später an Typhus sterben sollte) spickte sie aber mit Kritik am System. "Wir versuchen, das in unsere Zeit zu übersetzen", sagte gestern Regisseur Björn Gabriel. Wo Büchner die deutsche Kleinstaaterei aufs Korn nimmt oder die Willkürherrschaft des Adels, wendet sich Gabriel dem heutigen digitalen Zeitalter zu und Problemen wie einer "ständigen Überwachungskultur", der "Geißel der Erwerbsarbeit" oder dem Widerstreit von Fremdbestimmtheit und eigenem Willen.

Den Büchnerschen Hofstaat hat Gabriel aus seiner Textfassung verbannt. Eine einzige Figur, der "Elder Statesman" (gespielt von Frank Wickermann) bildet sozusagen das Konzentrat aller Obrigkeit. Daneben gebe noch ein unsichtbares Etwas, das allerdings, so Gabriel - "wie Zeus mit dem Donnerkeil dazwischen gehen kann". Ein Kunstgriff, durch den auch der Personalaufwand minimalisiert wird. Neben Wickermann stehen Matthias Heße und Marissa Möller als die Hauptfiguren Leonce und Lena sowie Patrick Dollas und Magdalene Artelt als deren Diener Valerio und Valeria auf der Bühne. Als Komödie setze er das Stück allerdings nicht in Szene, sagte Gabriel. "Büchner zeichnet eine Dystopie auf." Der vermeintliche Narr Valerio sei ein Melancholiker. "Sein Witz kommt aus dem tiefsten Schmerz und der Verzweiflung." Was nicht heiße, dass die Inszenierung nicht unterhaltsam sei und nichts zu lachen enthalte.

Erstmals arbeitet das Schlosstheater mit Björn Gabriel (38) zusammen, der sich als Schauspieler und Regisseur einen Namen gemacht und an verschiedenen Theaterhäusern in Deutschland gearbeitet hat. Zusammen mit der Ausstatterin Steffi Dellmann (32) hat Gabriel, der in Dortmund lebt, die freie Theatergruppe "Sir Gabriel Dellmann" gegründet. In der Moerser "Leonce und Lena"-Inszenierung zeichnet Dellmann für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich. Aus seiner Truppe "mitgebracht" hat Gabriel auch die Videokünstler Anna-Lena Marienfeld und Tillmann Oesterreich - beziehungsweise deren Video-Arbeiten, die auf den Hintergrund der wie eine Baustelle (mit entsprechendem Gerüst) anmutenden Bühne projiziert werden. Auch Musik dient dem Regisseur als Ausdruck der Vielschichtigkeit des Stücks, von Musik aus Büchners Zeit bis hin zum modernen Pop, teils verzerrt und verfremdet. In seiner Ästhetik fühle er sich dem "Steampunk" verpflichtet, sagte Gabriel, einem Stil, der Elemente der Vergangenheit mit solchen der Gegenwart verbindet.

Derzeit steckt das Ensemble noch mitten in den Proben. Die (ausverkaufte) Premiere des voraussichtlich knapp zwei Stunden langen Stücks ist am 9. April. Weitere Aufführungen: Donnerstag, 14. April, 19.30 Uhr, Sonntag, 17. April, 18 Uhr und Dienstag, 19. April, 19.30 Uhr.

www.schlosstheater-moers.de

Quelle: RP
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