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Moers
Lesung: Die Spur führt in die Nazi-Zeit

Moers: Lesung: Die Spur führt in die Nazi-Zeit
Zwei Stühle, ein Fernseher und eine Spur aus Zetteln - mehr brauchten Frank Wickermann und Matthias Heße nicht, um die Zuhörer im Moerser Peschkenhaus zu fesseln. FOTO: Helmut Berns
Moers. Die Schauspieler Frank Wickermann und Matthias Heße lasen am Sonntag aus Thomas Harlans "Veit". Harlan hatte einen aufwühlenden Brief an seinen Vater geschrieben. Die neue "Frequenzen"-Folge thematisierte ein Stück Zeitgeschichte. Von Olaf Reifegerste

In der szenisch-musikalischen Veranstaltungsreihe "Frequenzen", einer Kooperation zwischen Schlosstheater und den Komponisten Gerhard Stäbler und Kunsu Shim, ging es diesmal um ein zeitgeschichtliches Dokument. Gegenstand der neuen künstlerischen Auseinandersetzung war ein Brief, den Thomas Harlan 2010 an seinen längst verstorbenen Vater, den Filmregisseur Veit Harlan, in Bezug auf dessen persönliche NS-Vergangenheit ebenso wie auf das deutsche Nazi-Regime im Allgemeinen geschrieben hatte. "Dieser Brief ist sowohl eine Abrechnung mit als auch eine Liebeserklärung an seinen Vater", sagte Regisseur Ulrich Greb im Vorfeld an die gut besuchte Aufführung am Sonntag im Peschkenhaus.

Im April 1964 rief Veit Harlan, der mit "Jud Süß" den größten Propagandafilm der Nazi-Zeit mit über 20 Millionen Zuschauern geschaffen hatte, seinen Sohn Thomas nach Capri an sein Sterbebett. Drei Tage dauerte sein Sterben. Drei Tage erinnerte sich Thomas Harlan an die gemeinsame Zeit mit seinem Vater. 36 Jahre später wiederum diktierte Thomas Harlan 2010 fünf Monate vor seinem eigenen Tod einen langen aufwühlenden Brief an den verstorbenen Vater. In diesem geht es um Schuld und Sühne sowie um Verantwortung und Versöhnung sowohl im Vater-Sohn-Konflikt wie auch im gesamtdeutschen Kontext. Zusammen mit zeitgeschichtlichen Einordnungen des politischen Nachkriegsdeutschlands entstand unter dem schlichten Titel "Veit" ein 160-seitiges lesenswertes Buch, das postum im März 2011 veröffentlicht wurde.

Schlosstheaterintendant Ulrich Greb, der auch diese szenisch-musikalische Lesung künstlerisch geschickt einrichtete, schlug mit "Veit" einen thematisch passenden Bogen zur ersten "Frequenz"-Veranstaltung, in der es inhaltlich um den Neonazi-Prozess gegen den sogenannten "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) ging. Als Mitwirkende waren diesmal dabei die Schauspieler Matthias Heße und Frank Wickermann als Sprecher, die Bratschistin Annegret Meyer-Lindenberg sowie die beiden Komponisten, Gerhard Stäbler und Kunsu Shim, als Performer.

Als "Bühne" dienten drei Sitzmöbel, drei Mikrofonständer und ein Fernseher. Das Publikum saß sich auf jeweils zwei Stuhlreihen verteilt gegenüber. Kuchen essend begannen Heße und Wickermann, zwischen ihnen der Fernseher auf dem zu diesem Zeitpunkt nur "Schnee" zu sehen war, dem musikalischen Vortrag von Meyer-Lindenberg zu folgen, die den beiden Schauspielern wiederum gegenübersitzend die Komposition "Schmerzprobe" von Stäbler, einer Kassandra-Studie für Viola solo (1993), allseits zu Gehör brachte. Die äußerst langsam durchgezogenen Bogenstriche und die minuziös gesetzten Pausen verlangten höchste Konzentration der Musikerin für das zu schaffende Klangbild ab. Danach starteten Heße/Wickermann den stark eingestrichenen Buchtext einzulesen. Raffiniert ausgedacht, wurden die in persönlicher Anrede geschriebenen Briefpassagen jeweils unmittelbar am Mikrofon rezitiert, um Nähe anzudeuten, während der erläuternde Prosatext die Ereignisse kommentierend eher zurückgenommen und distanziert vorgetragen wurde. Darüber hinaus wurden so manche Klagen und Anklagen des Sohnes an seinen Vater wegen der unbegreiflichen und unvorstellbaren individuellen und gesellschaftlichen Dynamik chorisch verlesen.

Auch meldeten sich weitere Stäbler-Klänge, zu der seine Komposition "Luna" (1998) gehört, ebenso von "außen" zu Wort, wie Werke von Giacinto Scelsi und György Kurtág. Bei Kunsu Shims "aus-stellen"-Performance platzierten er und Stäbler in semiotisch fein abgestimmter Anordnung zig rot-markierte Buchseiten auf den Fußboden.

Symbolisieren wollten sie damit, die durch nationalsozialistische Gräueltaten hinterlassene Blutspur des Dritten Reiches bis heute und markierten so ein eindringliches Schlussbild.

Quelle: RP
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