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Moers
Lutz Görner spürt im Martinstift dem Leben Beethovens nach

Moers. Fast vier Jahrzehnte lang war der Rezitator Lutz Görner mit literarischen Programmen unterwegs. Nachdem er "seinen Dienst an der Lyrik getan" hatte, wechselte er die Disziplin und widmet sich nun der klassischen Musik. In neuartigen Klavierabenden inszeniert er das Leben von Komponisten. Im Martinstift präsentierte Görner jetzt sein Beethoven-Programm und stellte ihn an Hand von dessen Briefe und vieler Zitate vor.

Auf diese Weise wollte er "den Menschen hinter dem Jahrtausend-Komponisten aufspüren und die große Schere zwischen Beethovens musikalischem Genie und seinem elenden, tagtäglichen Leben" sichtbar machen. Vom Kammermusiksaal war der Rezitator sichtlich angetan: "Ich kannte den Saal nicht und bin begeistert. Und ich hoffe, dass auch Sie nachher begeistert sein werden." Leider war der Saal trotz des großen Namens nur mäßig besetzt, aber Görner erlebte ein sehr konzentriertes und interessiertes Publikum, das sich schnell und bereitwillig auf die Beethovensche Lebensgeschichte einließ.

Natürlich war auch Liszt mit von der Partie, der ein großer Bewunderer Beethovens war. Als Elfjähriger hatte er sein Idol besucht und, nachdem er dem tauben Beethoven vorgespielt hatte, einen "Weihekuss" auf die Stirn empfangen. Als Lyrik-Rezitator hat Lutz Görner immer nur die Gedichte vorgetragen, mit denen er sich identifizieren konnte. Die Zuhörer "sollten ihm glauben, was er da oben erzählte". Dieses Prinzip verfolgte er auch heute noch, und so trug er mit kindlich verstellter Stimme vor, was der kleine Liszt in Beethovens Konversationsheft schrieben und ließ Beethovens Mutter in schönstem rheinischen Singsang parlieren.

Selbst die von Grillparzer verfasste Grabrede ging mit düsterem Tonfall dem Publikum "unter die Haut". Auf diese Weise entstand ein faszinierend lebendiges Bild eines Menschen mit zwei Gesichtern: hier der Bettnässer und Linkshänder, der sich so partout nicht auf Wunderkind trimmen ließ. Der ungepflegt und schroff mit seiner Rappelköpfigkeit selbst Gönner brüskierte. Ein Grobian, roh, fremd und kalt. Und dort das Kraftgenie, edel und empfindsam. Ein Jahrtausend-Komponist, der mit seiner "Feuersäulen-Musik" Unsterblichkeit erlangte. Als kongeniale Partnerin hatte Lutz Görner die junge Pianistin Nadia Singer an seiner Seite.

Dynamisch und elanvoll ergänzte die Pianistin das Beethoven-Bild durch passende Musikbeispiele in einer Auswahl, die das Bild der zerrissenen Persönlichkeit auch musikalisch darstellte: vom munteren kleinen Rondo des jungen Komponisten bis zum düsteren Totenmarsch aus op. 26. Natürliche Musikalität in Verbindung mit technischer Perfektion ließen eine spannungsreiche und kraftvolle Interpretation entstehen, die dem "heiligen Beethoven" gerecht wurde.

Am Ende der ungewöhnlichen Begegnung gab viel Applaus, und selbst die Beethoven-Büste über der Bühne schien ein bisschen freundlicher als sonst zu gucken.

(prs)
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