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Serie Mein Stadtviertel
"Mein Rossenray gibt es nicht mehr"

Serie Mein Stadtviertel: "Mein Rossenray gibt es nicht mehr"
Eine Tasse Muckefuck und ein Brot auf der Hand gab es bei der Kartoffellese. FOTO: Goss
Kamp-Lintfort. Gertrud Goß wuchs in der alten Ortschaft mit drei Geschwistern auf. Ihr Elternhaus war umgeben von Bauernhöfen, Feldern und Wiesen. Bergbau, Kiesbaggerei und Autobahn-Bau haben die Landschaft bis heute jedoch stark verändert. Von Anja Katzke

Wenn Gertrud Goß an ihre Kindheit zurückdenkt, erinnert sie sich an die Unterrichtsstunden bei Lehrer Prüm, der in der alten Dorfschule Rossenray 30 Kinder von der ersten bis zur achten Klasse unterrichtete, an lange Erzählabende am Ofen zuhause, an Spaziergänge durch weite Felder und Wiesen, an den Duft von Muckefuck-Kaffee und den Geschmack von Leberwurst-Broten, mit sandigen Händen gegessen: "Wir haben so manches Mal beim Kartoffellesen auf den Feldern geholfen und dort zu Mittag gegessen", sagt sie wehmütig.

Das Rossenray ihrer Kindheit gibt es nicht mehr. Bergbau, Kiesbaggerei, Autobahn und zuletzt der Bau der Müllverbrennungsanlage Asdonkshof haben die einst ländlich gelegene Ortschaft stark verändert.

Gertrud Goß zeigt am Laptop ein altes Foto ihres Elternhauses. Es war noch von Feldern und Wiesen umgeben. FOTO: Dieker Klaus

Rossenray war damals eine Streusiedlung. "Aber mit dem Charakter eines funktionierenden Dorfes. Ja, der nächste Nachbar wohnte einen Kilometer weiter weg, aber jede Familie wählte sich einen ersten Nachbarn, der half - bei Hochzeiten und so weiter." Es gab die Schreinerei, die Gertrud Goß' Vater in der dritten Generation betrieb. Der Name Dormann, so heißt ihre Familie, ist noch heute in alten Karten eingezeichnet. Nur 100 Meter weiter hatte Schuster Baaken seinen Betrieb, daneben arbeitete Schmied Geßmann. Es gab Brauereien sowie Bauernhöfe.

Gertrud Goß schätzt, dass es an die 30 Höfe und Katen waren. "Etwas entfernt war das Lebensmittelgeschäft Niepmann. Die Familie hatte weit und breit das einzige Telefon." Seit 1857 lebte die Familie Dormann in Rossenray. "Mein Urgroßvater hatte dorthin eingeheiratet", erzählt sie. Gertrud Goß kam 1950 als Jüngstes von vier Kindern zur Welt. Als sie klein war, empfand sie Rossenray als Paradies. Sie stromerte durch die Felder, über Wiesen, pflückte Blumen. "Rossenray begann im Osten bei der Gastwirtschaft Voss an der Moerser Straße und reichte bis hinter die Rheinberger Straße. Die alte Ortschaft aber ging nur bis zur Moerser Straße. Die Bebauung jenseits der Straßburger Straße kam erst viel später", sagt sie.

Jahre später kam die Kiesbaggerei. Das Elternhaus von Gertrud Goß stand jetzt direkt an einem Baggersee. FOTO: kdi/goss

Der Wandel hatte jedoch schon fast ein halbes Jahrhundert vor ihrer Geburt begonnen. "In den Jahren vor 1918 hatte Krupp im Hinblick auf den Kohleabbau fast allen Rossenrayern ihr Eigentum abgekauft. Die Leute waren auf einmal reich! Mein Vater, Jahrgang 1904, erzählte uns Kindern immer, dass sein Vater 80.000 Goldmark erhalten hatte." Er brachte das Geld wie viele auf die Bank. Es kamen Weltwirtschaftskrise und Inflation. Das Geld war entwertet. Der Bergbau rückte in den 1940er Jahren näher. "Es wurde eine Bahnlinie von Schacht Rossenray aus gebaut. Sie führte durch das Grundstück meiner Eltern, besser gesagt: mitten durch den Garten!", sagt sie. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog die Familie in ein anderes Haus, ihres war zerstört worden. Die Schreinerei wurde auf dem alten Grundstück wieder aufgebaut. Ab 1950 verschwanden dann plötzlich die ersten Bauernhöfe, die Landschaft veränderte sich. Der Bergbau benötigte mehr Platz für Halden.

"Die Bauern bekamen irgendwo einen Ersatzhof angeboten", weiß Gertrud Goß aus Erzählungen. Die nächste Halde sei dann auf Grafter Gebiet entstanden. Alle fünf Minuten seien Lastwagen über die Hedgestraße gefahren. Etwas mehr als ein Jahrzehnt später rückten wieder Bagger an und prägten Rossenray bis heute. "Es begann die Zeit der Kiesgruben", erinnert sie sich.

"1974 startete die Auskiesung im Garten meiner Eltern. Ich weiß noch, wie sie mir zuriefen: Die Bagger sind da!", erzählt die Kamp-Lintforterin und zeigt ein altes Foto ihres Elternhauses, das nicht mehr von Feldern und Wiesen umgeben war, sondern jetzt direkt an einem Baggersee lag. "Will man heute von Nord nach Süd fahren, ist es gar nicht so einfach, einen Weg zu finden. Er wird versperrt durch die Autobahn, die Müllverbrennungsanlage Asdonkshof und die Baggerlöcher." Drei Pappeln, die ihre Mutter noch gepflanzt hatte, und ein Findling dienten Gertrud Goß Jahre später zur Orientierung, wenn sie an den Orten ihrer Kindheit spazieren ging. "Als ich 2016 mit dem Fahrrad über den Krummensteg durch Rossenray fahren wollte, versperrte plötzlich ein Zaun den Weg. Das war ein ganz komisches Gefühl."

Laut Stadtverwaltung hat Rossenray heute 3910 Einwohner. Es stehen aber nur noch wenige der alten Gebäude. Die 1839 erbaute Volksschule gehört dazu, die Gertrud Goß und ihre Geschwister besucht hatten. Dort trifft sich heute ein Schützenverein. Vor einigen Jahren organisierte Gertrud Goß mit drei Ehemaligen ein Dorfschultreffen. Sie machten sich auf die Suche nach anderen Schülern, die es von Rossenray in alle Welt gezogen hatte. Das Telefon stand wochenlang nicht mehr still. 230 kamen zum Treffen zurück nach Rossenray. "Es war ein Ereignis, auch voller Tränen und schöner Erinnerungen."

Quelle: RP
 
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