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Moers: 145 Flüchtlinge verschwunden

Moers: Moers: 145 Flüchtlinge verschwunden
Der Landtagsabgeordnete Ibrahim Yetim (SPD) lässt sich von Helfern und Flüchtlingen über die Situation in der Achterrathsfeldschule berichten. Die Notunterkunft, die gestern leerstand, könnte heute schon wieder mit 320 Menschen belegt werden. FOTO: Klaus Dieker
Moers. Der SPD-Landtagsabgeordnete Ibrahim Yetim will den Alltag in der Landesnotunterkunft Achterrathsfeldschule erleben. Doch die Schule ist leer. Landesbehörden haben die Flüchtlinge ohne Vorwarnung bundesweit verteilt. Von Jürgen Stock

Die junge Frau mit dem Kopftuch hat eine schreckliche Nacht hinter sich. Tags zuvor war sie mit 149 anderen Flüchtlingen aus der Landesnotunterkunft Achterrathsfeldschule in Moers ins 250 Kilometer entfernte Herford gebracht worden. Dort hätten die Menschen registriert und dann wieder mit Bussen zurück nach Moers gebracht werden sollen. Das jedenfalls war die Auskunft, die die Moerser Mitarbeiter des "Bunten Tisches" von der Bezirksregierung bekommen hatten. Doch die Busfahrer warteten vergeblich auf ihre Fahrgäste: Die waren von den Behörden sofort nach der Registrierung auf bundesweite Unterkünfte verteilt worden.

Nur die junge Frau und vier weitere Flüchtlinge hatten sich der Nacht- und Nebel-Aktion entzogen. Nun steht die Frau vor dem Landtagsabgeordneten Ibrahim Yetim (SPD) und erzählt ihm mit Hilfe einer Dolmetscherin ihre Geschichte. Yetim war eigentlich gekommen, um zu sehen, wie Ehrenamtler mit der Situation in der vermeintlich aus allen Nähten platzenden Schule zurechtkommen. Doch stattdessen trifft er ratlose Helfer und Security-Leute, die auf einmal sehr viel Zeit haben. So kann die Libanesin erzählen, dass ihr Mann bereits vor ihr nach Deutschland gekommen sei und nun in Erkelenz auf sie warte. Doch in Herford war ihr gesagt worden, dass sie mit ihrem asthmakranken Sohn nach Friedland fahren und dort auf den Ausgang ihres Asylverfahrens warten müsse. Am Abend hatten Moerser Helfer einen Anruf der Frau bekommen, die hilflos am Bielefelder Bahnhof stand. Schließlich gelang es, die Bielefelder Bahnhofsmission zu erreichen, die dafür sorgte, dass das Kind ärztlich versorgt wurde. Danach gelang es der Frau, sich gemeinsam mit vier weiteren Flüchtlingen aus der Achterrathsfeldschule wieder nach Moers durchzuschlagen.

Yetim schüttelt den Kopf: "Das was ich hier erlebe, entbehrt doch jeder Logik", sagt er. "Warum ist es nicht möglich, dass Polizisten oder andere Beamte die Registrierung hier an Ort und Stelle vornehmen?" Er weiß, wie verheerend sich Erlebnisse wie diese auf die Stimmung der rund 50 Ehrenamtler auswirken können, die bislang in Kapellen so hervorragende Arbeit geleistet hätten. "Wir hatten doch schon das Essen für die Menschen vorbereitet und auf die Rückkehrer gewartet", sagt Jacqueline Weyers vom Bunten Tisch. Sie schildert, wie sie und andere Helfer die Habseligkeiten der ehemaligen Bewohner in Tüten sammelten. "Die Leute haben zum Teil wichtige Dokumente und Handys hier liegen", ergänzt Amar Azzoug vom Bunten Tisch. Wie sollen sie jetzt wieder an ihr Eigentum kommen? Er zuckt mit den Schultern: "Das weiß niemand."

Seine Stimmung schwankt zwischen Sarkasmus und Bitterkeit, wenn er erzählt, dass der Bunte Tisch zwar 1800 Euro aus einem Landesprogramm für Ehrenamtler bekommen habe, daraus aber nicht die Fahrtkosteten erstattet werden dürfen. "Nach den Richtlinien geht das nur, wenn wir öffentliche Verkehrsmittel benutzen." Der Abgeordnete Yetim verspricht, sich für eine Änderung der Bestimmungen stark zu machen: "Wir sind doch auf die Ehrenamtler angewiesen."

Auf die könnte heute ein Großeinsatz zukommen. Möglicherweise droht die Ankunft von 320 Menschen an einem Tag. Bislang hatte es geheißen, die Schule könne maximal 270 Menschen aufnehmen. Jetzt auf einmal sind es 60 mehr. Vielleicht kommt auch niemand. Azzoug: "Hier ändert sich die Nachrichtenlage im Stundentakt."

Quelle: RP
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