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Moers/Neukirchen-Vluyn
Moers mietet Haus für junge Flüchtlinge

Moers/Neukirchen-Vluyn: Moers mietet Haus für junge Flüchtlinge
Interesse an dem Gebäude Wiesfurthstraße Nr. 98 hatte nicht nur die Stadt Moers, sondern auch die Verwaltung in Neukirchen-Vluyn gezeigt. FOTO: Klaus Dieker
Moers/Neukirchen-Vluyn. Die Stadt Moers will bis zu 32 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in einem Haus des Christlichen Jugenddorfs (CJD) an der Wiesfurthstraße in Neukirchen-Vluyn unterbringen. Fünf Verbände übernehmen die Betreuung. Von Stefan Gilsbach und Jürgen Stock

Auf die Aufnahme von 25 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge hatte sich das Jugendamt der Stadt Moers im vergangenen November vorbereitet; tatsächlich sind es jetzt bereits 76. Tendenz, so die Beigeordnete Kornelia zum Kolk, weiter steigend. Darum hat sich die Stadt Moers zu einer "in dieser Form bislang einzigartigen" (Jugendamtsleiterin Verena Breuer) Notmaßnahme eingeleitet. Fünf Wohlfahrtsverbände (Erziehungsverein, Christliches Jugenddorf, Caritas, die Evangelische Jugend- und Familienhilfe sowie der Kinder- und Jugendhilfeverbund sollen gemeinsam in einem Haus des Christlichen Jugenddorfes an der Neukirchen-Vluyner Wiesfurthstraße 98 bis zu 32 allein reisende Kinder und Jugendliche aus Krisengebieten in aller Welt betreuen. Gestern beschloss der Moerser Hauptausschuss in nichtöffentlicher Sitzung die Anmietung des Gebäudes - zunächst für sechs Monate.

"Wir sind den Trägern unendlich dankbar", sagte Breuer gestern unserer Zeitung. "Denn für sie bedeutet das ein hohes finanzielles Risiko." Zwar übernehme das Land die Kosten der Unterbringung - kalkuliert werden pro Jugendlichem 200 Euro am Tag - doch müssen die Träger zur Betreuung, die eigentlich sieben Tage in der Woche 24 Stunden am Tag dauern müsste, hochqualifiziertes Fachpersonal einstellen. "Doch das ist derzeit kaum zu bekommen. Der Markt ist praktisch leer gefegt", berichtet Breuer. Träger sähen sich, wollen sie überhaupt Mitarbeiter für diese schwierige Aufgabe gewinnen, gezwungen, Mitarbeiter unbefristet einzustellen. Die Aufgabe sei jedoch zeitlich befristet, auch wenn keiner derzeit sagen könne, für wie lange.

Anders als bei normalen Flüchtlingen gilt für unbegleitete Minderjährige das Jugendhilfegesetz. Das setzt eigentlich einen Betreuungsschlüssel von 1 : 1 voraus. "Doch das kann momentan kein Jugendamt in NRW leisten", sagt Breuer. Deshalb habe man zu dieser Notlösung gegriffen und wolle nun das Hausdes CJD in Neukirchen anmieten. Dort sollen zunächst fünf bis sieben Betreuer eingesetzt werden, bei Vollbesetzung mehr. Die Pädagogen werden im Schichtdienst an sieben Tagen in der Woche arbeiten. Nachts solle jedoch nur ein Sicherheitsdienst eingesetzt werden.

Die Stadt Moers will das Gebäude auch längerfristig weiternutzen und dort, sobald ein Vormundschaftsgericht über das Schicksal der Kinder und Jugendlichen entscheiden hat, eventuell Wohngruppen von Jugendlichen unterbringen.

Im Rathaus der Stadt Neukirchen-Vluyn sorgte die Nachricht gestern für eine Überraschung. "Davon war mir nichts bekannt", räumte Stadtsprecher Frank Grusen am Vormittag ein. Bürgermeister Harald Lenßen äußerte sich am Nachmittag wie folgt: "Herr Fleischhauer hat mich vorhin über das Vorhaben vorhin informiert."

Pikant an dem Sachverhalt ist, dass auch die Stadt Neukirchen-Vluyn, die bereits den größten Teil der ehemaligen CJD-Gebäude an der Wiesfurthstraße für Flüchtlinge gepachtet hat, Interesse an dem verbliebenen Trakt gezeigt hatte. "Das habe ich Herrn Fleischhauer mitgeteilt, und er hat es zur Kenntnis genommen", resümierte Lenßen. Sollte die Stadt Moers wie geplant die jungen Flüchtlinge dort unterbringen, werde die Neukirchen-Vluyner Verwaltung das Thema eines "interkommunalen Ausgleichs" auf die Tagesordnung setzen. Ob dies konkret bedeuten könnte, dass Moers seinerseits Räumlichkeiten für Flüchtlinge zur Verfügung stellt, die Neukirchen-Vluyn zugeteilt sind, ließ der Bürgermeister offen.

Für Harald Lenßen kommt die Neuigkeit auch deshalb ungelegen, weil er gerade einen Erfolg zur Entspannung bei den Flüchtlingszahlen in Neukirchen-Vluyn verzeichnen konnte. Bei einem Besuch bei der Bezirksregierung Arnsberg am Montag hatte er die Zusage erhalten, dem Kreis Wesel sollten weniger Flüchtlinge zugeteilt werden.

Quelle: RP
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