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Moers
Moerserin entführt in die Welt der Märchen

Moers: Moerserin entführt in die Welt der Märchen
Sigrid Niederholz liest nicht einfach Märchen vor. "Ich erzähle sie", sagt die 61 Jahre alte Moerserin. FOTO: Klaus Dieker
Moers. Sigrid Niederholz (61) hat sich zur professionellen Märchenerzählerin ausbilden lassen. Ein Porträt. Von Jana Marquardt

Wenn Sigrid Niederholz Märchen erzählt, dann verwandelt sich ein einfacher Friseursalon in einen orientalischen Ort mit bunten Teppichen, goldenen Teelichtern und geheimnisvollen Schatzkisten. Sie sitzt auf einem roten Samtsofa neben dem Tresen und erzählt mit ausladenden Gesten und einer Stimme, die sich mal erhebt und mal zu einem Flüstern verebbt, von einem "guten König in einem fernen Land", der von einem Löwen Pflanzensamen geschenkt bekommt. Daraus wachsen Früchte "so groß wie ein Menschenkopf". Seit sechs Jahren trägt die Moerserin Märchen zu verschiedenen Anlässen vor und bezeichnet sich auf ihrem Flyer zurecht als "Märchenfee": Drei Jahre lang hat sie sich zur Märchenerzählerin ausbilden lassen.

"Welche Frucht hat der König hier für sein Land entdeckt?", fragt Niederholz in die Runde, und das Publikum im Moerser Friseursalon "Norman Nürnberg" braucht einen Moment. "Kürbisse", rät einer. "Nicht ganz", sagt die 61-Jährige. "Es sind Melonen." Hinter dem Tresen steht eine junge Frau mit einem Tablett auf und verteilt kleine Wassermelonenstücke. Das Publikum, das gebannt zugehört hat, braucht einen Moment, um das freundliche Angebot anzunehmen. Niederholz' Erzählungen sind fesselnd. Sie scheint wahrhaftig in ihren Märchen zu leben.

"Ich lese keine Märchen vor, ich erzähle sie", betont die 61-Jährige, wenn man ihre Märchenveranstaltungen, die sie in Kindergärten, Cafés und bei privaten Anlässen ausrichtet, irrtümlich als "Lesungen" bezeichnet. Deshalb sind die Märchenbücher, die die gebürtige Moerserin bei ihren Erzählungen hervorholt, nur Requisiten. "Zu Hause habe ich so viele Märchenbücher, dass ich sie gar nicht mehr zählen kann. Eines ist von 1900."

Mit der alten Sprache vertraut zu sein, ist eine Voraussetzung zum Märchenerzählen, findet Niederholz. Seit ihrer Kindheit hat die 61-Jährige davon geträumt, "in einem großen, gemütlichen Sessel zu sitzen und Märchen zu erzählen". Ihr Vorbild war damals eine lebensgroße Puppe in einem Moerser Warenhaus, aus deren Lautsprecher Märchen erschallten. Obwohl sie sich als Jugendliche niemals einen Bürojob vorstellen konnte und lieber mit Menschen arbeiten wollte, ließ sie sich auf Wunsch ihres Vaters nach der Realschule zur technischen Zeichnerin ausbilden. Als sie in den vielen Jahren bei Thyssen-Krupp merkte, dass ihr dieser Beruf keinen Spaß bereitete, machte sie Aus- und Fortbildungen. Heute gibt sie Yogakurse, ist Entspannungspädagogin und arbeitet in der Erwachsenenbildung. Ihre Märchenabende organisiert sie sporadisch, aber mit großer Sorgfalt.

Im Kindergarten Alpsray in Rheinberg erzählt die 61-Jährige besonders gern Märchen. "In Alpsray hören die Kinder immer so aufmerksam zu. Zu Weihnachten bin ich dort jedes Jahr und schenke dem Kindergarten einen Märchentag."

Und wie wird man zur Märchenerzählerin? Ist das überhaupt ein Beruf? "Nein, aber ich habe drei Jahre lang wochenweise Fortbildungen in Süddeutschland bei einer Märchen- und Waldorfpädagogin gehabt. Dort habe ich mein Handwerk gelernt und bin heute Märchenerzählerin mit Zertifikat." Sie habe selbst nicht geahnt, wie viel es noch zu lernen gab. "Neben einfachen Techniken zum Auswendiglernen haben wir unsere Mimik und Gestik zum Erzählen verfeinert, Schauspielunterricht bekommen, Instrumente und Bühnenkulissen gebaut", erzählt die Moerserin. "Es war eine spannende Zeit."

Vor dem Auftritt vor Publikum, der die Ausbildung abschloss, hatte Sigrid Niederholz großes Lampenfieber. "Das ist auch heute noch so, aber wenn ich einmal angefangen habe, dann geht es. Mein Mann Friedhelm ist ja auch immer dabei."

Bei Interesse an einem Märchenabend: 02841 25879.

Quelle: RP
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