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Moers
Moerserin hat Sehnsucht nach Japan

Moers. Svea von Borck (17) hat ein Jahr als Austauschschülerin an einer Schule in der japanischen Stadt Ashiya verbracht. Dort hat es ihr sehr gut gefallen, vor allem die Freundlichkeit und der höfliche Umgang der Menschen untereinander. Von Svea von Borck

Das war ein Schlüsselerlebnis für mich: Am ersten Tag nach meiner Rückkehr aus dem Ausland wollte ich mit meinem Vater lecker essen gehen. Wir wurden von einer patzigen Kellnerin begrüßt, weil wir die letzten Gäste waren. Aber nicht nur die Begrüßung fiel unfreundlich aus. Auch als wir bestellten, blieb sie so, wirkte sogar genervter als zuvor.

Das war für mich ein Schock, da ich aus Japan diese Unfreundlichkeit nicht gewohnt war. Vom 17. März 2015 bis zum 9. Januar 2016 war ich als Austauschschülerin in der Stadt Ashiya auf der japanischen Hauptinsel Honshu. Als Gastkind der Familie Tanaka habe ich die High School Keimei Gakuin besucht.

Die zehn Monate prägten mich in Sachen Freundlichkeit und Höflichkeit stark. Unter keinen Umständen wäre ein japanischer Kellner so unfreundlich zu uns Gästen gewesen. Verständlich in einem Land, in dem Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft wie selbstverständlich zum Alltag gehören. Ob in der Schule, im Supermarkt, am Bahnhof, zu Hause, im Bus oder auf der Straße. In Zügen isst niemand. Auch am Bahnhof sieht man sehr selten jemanden etwas essen. Der Geruch könnte ja die restlichen Fahrgäste stören. Rauchen ist in der Öffentlichkeit nur in gekennzeichneten Bereichen erlaubt, damit die Nichtraucher sich nicht an dem Geruch stören (übrigens ist das Rauchen in Japan erst ab 20 Jahren erlaubt und die Japaner halten sich auch daran).

Jeden Morgen haben mich die Leute an der Bushaltestelle mit einem freundlichen Lächeln und einem "ohayougozaimasu" (guten Morgen) gegrüßt. Natürlich habe ich zurückgegrüßt. Denn das gehört in Japan zum guten Ton. Wenn ich nun aus Gewohnheit die Menschen in Deutschland freundlich grüße, werde ich meistens nur schräg angeschaut. Selbst wenn ich Leute beim Vorbeigehen nur anlächle, sehe ich oft unfreundliche Mienen.

Die Rücksichtnahme auf die Mitmenschen ist sehr wichtig in Japan. Viel wichtiger, als es in Deutschland den Anschein erweckt. In Deutschland drängeln die Kinder gerne, um einen Sitzplatz im Bus zu bekommen.

In Japan stellen sich die Leute an der Bushaltestelle an. Wer zuerst an der Haltestelle ist und einsteigt, bekommt dementsprechend einen Sitzplatz. Wer keinen bekommt, murrt nicht, sondern steht dann einfach. Japaner helfen auch sehr oft. Eines Morgens fuhr mein Zug zur Schule nicht. Leider verstand ich die Durchsagen nicht und wusste daher nicht, was los war. Anhand der Schuluniform haben mich zwei Mädchen aus meiner Schule erkannt und es mir gesagt. Ihr Angebot, zusammen zur Schule zu fahren, habe ich dankbar angenommen. Ebenso, als einmal mein Zug zurück ausfiel.

Als wäre es selbstverständlich, hat mich eine Mitschülerin auf einem Teil meines Heimwegs begleitet und mich bis zur richtigen Bushaltestelle gebracht. Diese Mitschülerin hatte ich zu dem Zeitpunkt erst einmal vorher gesehen.

Wichtige Informationen hat mir meine Klassenlehrerin wie selbstverständlich auf Englisch gesagt und erklärt. Als es Taifunwarnungen gab, haben mir meine Freunde erklärt, in welchem Fall die Schule ausfällt und in welchem Fall nicht.

Jedoch haben mir nicht nur meine Mitschüler geholfen, sondern auch meine jüngere Gastschwester Makoto kam mir häufig zu Hilfe. Denn sie hat mir alltägliche Dinge, die in Japan anders gehandhabt werden, erklärt.

Allerdings zeigen sich anhand der Schule auch Schattenseiten. Die japanischen Schüler stehen unter starkem Leistungsdruck. Alle Examen schreiben sie innerhalb von vier oder sechs Tagen, den sogenannten Testwochen. Eine Testwoche findet zweimal pro Trimester statt. Aber während dieser Zeit schlafen viele Schüler kaum bis gar nicht. Freunde von mir haben mir erzählt, dass sie teilweise nur zwei Stunden pro Tag schlafen, weil sie die verbleibende Zeit lernen. Die Augenringe meiner Klassenkameraden waren nicht zu übersehen, vor allem am Ende jeder Testwoche.

Und dennoch: Ich vermisse in Deutschland diese selbstverständliche Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Denn über eine nette Begrüßung und ein Lächeln am Morgen habe ich mich immer gefreut. In Japan habe ich mich dadurch wohler gefühlt, da die Menschen mir freundlich begegnet sind. "Ein Lächeln würde dir nicht das Bein brechen", denke ich mir oft, wenn ich die unfreundlichen Mienen der Deutschen sehe.

Quelle: RP
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