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Klingelbeutel
"Muss ich schon sterben?"

Moers. In Frühsommer machte ich einen Geburtstagsbesuch bei einer Dame. Sie war Gemeindemitglied und wurde 70 Jahre alt. Ich kannte sie vorher nicht. Ich kam ans Tor des Grundstücks, im Garten machte sich ein Mann mit Sitzkissen zu schaffen, es sah alles nach den Vorbereitungen für eine Gartenparty aus.

Ich fragte ihn, ob ich reinkommen dürfe und ob Frau X auch da sei. Er brummte was von "im Haus". Das Küchenfenster stand offen und ich hörte von drinnen eine Frauenstimme: "Wer ist denn da?". Der Mann antwortete nicht, so kam sie kurze Zeit später selber in den Garten.

Ich stellte mich kurz mit Namen vor und dass ich Pfarrer sei, da unterbrach sie mich und sagte: "Oh Gott, das hat mir gerade noch gefehlt!" und fragte: "Wenn der Pfarrer kommt - muss ich dann jetzt schon sterben?".

Offensichtlich war die Dame von meinem Besuch völlig überrascht und hatte nicht damit gerechnet. Vielleicht hat ihr auch der runde Geburtstag Sorgen bereitet. 70 Jahre sind ja schon was, auch wenn man sich oft noch gar nicht "so alt" fühlt.

Und gerade an besonderen Lebenspunkten kommt der Mensch ins Grübeln. Da bricht so ein bisschen die Fassade auf und fängt an zu bröckeln. Die Fassade, die Menschen sich gerne aufbauen, um die Gedanken an den Tod wegzuschieben. Denn in der heutigen Welt ist für den Tod kein Platz. Das ist schade. Denn der Tod gehört zum Leben dazu. Nicht erst nach dem Leben kommt der Tod. Ich glaube, jeder Mensch, der versucht das zu verleugnen, nimmt sich ein Stück Lebensqualität. Wenn ich versuche, immer so zu leben, als wenn das Leben noch ewig weitergeht, dann bin ich natürlich geschockt, wenn es plötzlich aufhört. Und das kann passieren - jederzeit.

Viel gesünder wäre es, wenn ich den Tod mit in mein Leben hineinnehme. Jede Begegnung, jedes Ereignis wird dadurch besonders, denn es könnte ja das Letzte sein in meinem Leben.

Morgen begehen wir den Ewigkeitssonntag. Evangelische Christen gedenken im Gottesdienst der Menschen, die im vergangenen Jahr aus der Gemeinde verstorben sind.

Es ist ein ruhiger Gottesdienst, aber auch ein tröstlicher. Für jeden Verstorbenen kann man eine Kerze anzünden und diese auch mit nach Hause nehmen.

Das Gedenken an die Verstorbenen - es gehört zum Ewigkeitssonntag dazu, genauso wie die Gewissheit im Glauben, dass der Tod nicht das Letzte sein wird, was unser Gott für uns bereit hält. Der Apostel Paulus sagt es im ersten Korintherbrief so: "Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?".

Sterben werde ich auf jeden Fall. Aber danach ist mein Gott für mich da und nimmt mich bei sich auf - Ewiges Leben nennen wir das. Mich tröstet es, dass ich bei Gott einen Platz haben werde und dass der Tod dann keine Macht mehr über mich hat.

PFARRER FRANK RUSCH, PFARRER IN DER EVANGELISCHEN KIRCHENGEMEINDE NEUKIRCHEN

Quelle: RP
 
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