| 00.00 Uhr

Moers
Parforceritt durch die Nibelungen

Moers: Parforceritt durch die Nibelungen
Frank Wickermann spielt Wotan in der Moerser Nibelungen-Inszenierung. Walhall liegt in der Wallzentrum-Passage. Das Schlosstheater spielt dort während des laufenden Publikumsverkehrs. FOTO: J. Studnar/Schlosstheater
Moers. Applaus für Ulrich Grebs gelungene Inszenierung "Der Ring. Rheingold im Königsee". Das Stück bietet all das, was man im Theater sehen möchte: ein großes Thema, viel Humor und eine erlebnisreiche Wanderung durch Teile von Moers. Von Anja Katzke

Bayreuth-Fans dürften ob des drei Stunden dauernden Parforceritts durch die Nibelungensage irritiert sein. Für Moers ist Ulrich Grebs Inszenierung des monumentalen Stoffes das Beste, was seit langer Zeit am Schlosstheater zu sehen war. Das liegt darin begründet, dass der Intendant seinem Publikum Erlebnis-Theater bietet. Er nimmt es mit auf eine inszenierte Wanderung von Walhall herab nach Worms bis nach Ungarn. Seine Götterburg liegt im Wallzentrum, das Rheingold im gefrorenen Moersbach. Über verschlungene Wege geht es vom unteren Parkdeck auf der anderen Straßenseite hinein in die Tiefgarage der Einkaufspassage, vorbei an leerstehenden Ladenlokalen hinauf zur Tanzschule Gottlieb - bis das Publikum schließlich im schön wiegenden Dreivierteltakt die Orientierung ganz verliert. Die Bühne ist überall, die Zuschauer sind mittendrin. Sie überkommt bald das Gefühl, in einem Comicstrip festzustecken.

Bildchen für Bildchen, Szene für Szene entwickelt Greb das über Generationen anhaltende Spiel um Gier, Macht, Betrug und Liebe. Der Moerser "Ring" ist entrümpelt und frei jeglicher Helden-Romantik. Der Regisseur überzeichnet humorvoll Orte, Handlungen und Personal, bis das immergültige Extrakt hervor blitzt: die menschlichen Konflikte und deren gefährlichen Auswüchse, die zum Weltenbrand führen können. Der Regisseur hat in dem angestaubten Konsumtempel den perfekten Ort für sein Walhall gefunden. Wo könnte man die Gier nach Mehr besser verhandeln, als an einem Ort, an dem man schicke Reisen buchen, Nähmaschinen für 1000 Euro kaufen und in der Spielhalle sein Geld gleich ganz los werden kann. Dort residiert Wotan (Frank Wickermann) als Patriarch mit Augenklappe und Pelzkragen zwischen Pappe, Gold und Glitter.

Anstatt seine Bauschulden zu begleichen, fährt er großes Geschütz auf, um Alberich (Matthias Heße) das Rheingold zu entreißen: einen Panzer aus Pappe. Sein Gegenspieler ist Loge (Magdalene Artelt). Sie wirkt in ihrem Anzug und der Glatze wie "Du weißt schon wer" aus Harry Potter. Macht aber nichts: Zitate aus Film, Fernsehen und Literatur haben sich einige eingeschlichen, angefangen mit Tolkiens "Herr der Ringe". Es soll aber auch ein Donald Trump drin stecken. Der Moerser Siegfried taugt übrigens so gar nicht zum deutschtümelnden Helden.

Lena Entezami spielt ihn als muskelbepackten Einfaltspinsel, der am Ende keinen Dolch im Rücken hat. In Moers greift Hagen von Tronje zur Maschinenpistole. Nils Kretschmer, der als Gastschauspieler zur Inszenierung gestoßen ist, passt sehr gut ins Ensemble, hat mit seiner Song-Einlage, einer Interpretation des Nibelungenliedes in Mittelhochdeutsch an der E-Gitarre sicherlich eine der herausragenden Szenen in der Inszenierung. Das Ensemble ist so gut, wie man es kennt, es läuft im "Ring" zu Höchstleistung auf. Die sechs Schauspieler schlüpfen in 16 Rollen: Matthias Heße spielt Alberich, Hunding, König Gunther. Parick Dollas gibt Fafner, Siegmund und Brünnhilde. Nils Kretschmer ist Fasolt, Sieglinde, der Waldvogel und Hagen. Unterstützt wird das Ensemble durch einen 18 köpfigen Bürgerchor, der blondperückt die Rheintöchter, mit Papp-Schilden ausgestattet die Walküren darstellt und zwischendurch fürs Publikum als Wegweiser durch das Moerser Walhall fungiert.

Die nächsten Aufführungen sind am 9., 11. und 25. März jeweils ab 19.30 Uhr. Dann sind die Temperaturen hoffentlich nicht so eisig wie bei der Premiere. Und wenn doch: Ziehen Sie sich warm an.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Moers: Parforceritt durch die Nibelungen


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.